»Also, pass auf«, sagte ich zu ihr. »In meiner Geschichte geht es um eine junge Frau, die zufäl­li­ger­weise heraus­fin­det, dass sie nicht natür­lich gezeugt, sondern im Labor erschaf­fen wurde. Quasi im Reagenz­glas. Und ihre Eltern hatten ein prak­ti­sches Formu­lar zur Hand, mit denen sie alle Wesens­züge und Eigen­schaf­ten ihrer Toch­ter bestim­men konn­ten; von der Haar­farbe bis zum Tempe­ra­ment. Und hier ist der Trick an der Sache: Auch wenn die Tech­no­lo­gie dahin­ter ziem­lich high­tech ist, gehö­ren diese künst­lich gezeug­ten Menschen zu den reichen Außen­sei­tern. Der Groß­teil der Gesell­schaft akzep­tiert diese Menschen gar nicht als Menschen an, weil sich dieser Weg der Zeugung für sie einfach unna­tür­lich anfühlt. Und diese junge Frau, um die es geht, findet eben auf einmal heraus, dass sie zu diesen ande­ren Menschen gehört… und weiß nicht, wie sie damit umge­hen soll.«

Wir stan­den in der Küche einer WG, wo an diesem Abend eine entspannte Party statt­fand. Ich weiß nicht mehr, wie wir auf mein Schreib­pro­jekt zu spre­chen kamen, aber ich erin­nere mich an die rast­lose Eupho­rie, mit der ich von dem oben genann­ten Abriss der Geschichte erzählte. Ich war Feuer und Flamme. Die Woche vor der Party hatte ich Stun­den damit verbracht, meine Krea­ti­vi­tät zu Papier zu brin­gen und die Seiten voller und voller zu schrei­ben. Und wenn mich die Leiden­schaft einmal packt, muss ich sie mit meinen Mitmen­schen teilen! Und so auch an diesem Abend, als ich mit dem Mädel sprach, das wir an dieser Stelle einfach Bianca nennen werden.

Und Bianca nippte an ihrem Wein­glas und hörte aufmerk­sam meiner Ausfüh­rung zu. Dann legte sie den Kopf schief und hob – desin­ter­es­siert – die Schul­tern an. »Gibt es diese Geschichte nicht schon tausend Mal? Klingt jetzt nicht so span­nend für mich.«

Ich war in Bianca verliebt. Und diese Reak­tion ließ mein Herz fallen. Sie inter­es­sierte sich nicht für meine Geschichte. Schlim­mer noch: Sie fand sie nicht gut. Das Mädel, in das ich mich verknallt hatte, kümmerte sich kein Stück um das, was ich soeben so leiden­schaft­lich ausge­drückt hatte. Durch­at­men. Und mein Herz sank noch ein Stück­chen tiefer.

Wenn es auf dieser Welt so etwas wie einen Musen­kuss gibt, dann stand ich in diesem Moment im Schat­ten einer Anti-Muse, der mir das Licht meiner Krea­ti­vi­tät nahm. Eine düstere Wolke, die sich grol­lend zwischen meine Begeis­te­rung und mich plat­zierte.

Tatsäch­lich habe ich das Projekt nie been­det. Ich weiß nicht mehr, wie schnell mir die Moti­va­tion dafür flöten ging, aber letz­ten Endes fing das Typoskript digi­ta­len Staub in den Tiefen meiner Fest­platte. Vor Kurzem rutsch­ten mir noch Tränen über die Wangen, als ich mal wieder drüber gele­sen hatte. Ich kann die Leiden­schaft in dem Text bis heute spüren. Da steckt etwas Tiefer­ge­hen­des drin, etwas Leben­di­ges. Und durch einen einzi­gen Augen­blick war es alles in einen tiefen Schlaf gefal­len. Ein Stern weni­ger am Firma­ment der Krea­ti­vi­tät.

Wer weiß, viel­leicht möch­test Du das unfer­tige Typoskript ja lesen. Einfach hier klicken! Und mögli­cher­weise schreibe ich die Geschichte ja doch einmal zu Ende. Doch darum soll es hier nicht gehen.

Denn heute frage ich mich: Wie kann das alles sein? Wie kann die Meinung einer einzi­gen Frau so viel Macht darüber haben, ob ich eine Leiden­schaft auslebe – oder nicht? Ob ich im sechs­ten Gang fahre – oder die Brem­sen ange­zo­gen habe? Es ist klar: Sie hat keine Schuld daran. Ihr Desin­ter­esse war echt, so trau­rig das auch klin­gen mag. Und deshalb muss ich mir diese Frage selbst stel­len. Es ist gut denk­bar, dass ich nach ihrer Zustim­mung und Bestä­ti­gung gesucht hatte. Ich mochte sie – und sie sollte sehen, was mich begeis­terte. Doch  sie hatte das alles abso­lut kalt gelas­sen. Und statt ihrer Zustim­mung erhielt ich eine ehrli­che und schmerz­hafte Ableh­nung.

Und als idio­tisch verknall­ter Mann fragte ich mich: »Mache ich etwas falsch? Ist diese Geschichte viel­leicht gar nicht so gut? Sollte ich es blei­ben lassen?« Zwei­fel an meiner Selbst. Ich fühlte mich, als wäre ich nicht gut genug für sie.

Vermut­lich passie­ren mir solche Momente heute weni­ger leicht. Es ist mir rela­tiv egal gewor­den, was andere Leute darüber denken, wie ich mein Leben gestalte. Rela­tiv in der Hinsicht, dass ich sehr offen für Feed­back von meinen Mitmen­schen bin. Ich nehme nicht alles an, ziehe aber zumin­dest in Erwä­gung, was ich höre. Selbst das glei­che Szena­rio – der Augen­blick in dieser WG-Küche – würde sich heute anders entfal­ten. Mir wäre der Dämp­fer bewusst, den mir dieses Mädel gerade gege­ben hätte. Und weil er mir bewusst wäre, könnte ich ihn auch einfach ableh­nen. »Spende dein Licht nur dort, wo es will­kom­men ist«, würde ein Freund jetzt sagen. Ich darf nicht zulas­sen, dass jemand das Feuer löscht, das mich nach vorne treibt. Niemals wieder.

Ich mache Bianca keinen Vorwurf. Sie hatte voll­kom­men echt reagiert – soweit ich das heute noch beur­tei­len kann. Statt­des­sen bin ich dank­bar für diese Erfah­rung, denn sie führt mich zu einer grund­le­gen­den Frage: Wie oft hatte ich einem Menschen in meinem Leben die Inspi­ra­tion genom­men? Aus Verse­hen? Weil ich nicht darauf geach­tet hatte – oder darauf achten wollte –, wie wich­tig diese Sache diesem Menschen war? Wie oft hatte ich den Schat­ten der Anti-Muse gewor­fen?

Ich kann mir meine Musen nicht aussu­chen. Ich kann auch nicht die Momente hervor­se­hen, in denen auf einmal eine Anti-Muse in mein Leben tritt. Aber ich kann eine klare Entschei­dung tref­fen, ob ich die Muse oder die Anti-Muse im Leben meiner Mitmen­schen spie­len möchte. Wie oft hat uns nur ein klei­ner Satz der Ermu­ti­gung gefehlt, ein aufmun­tern­des, zustim­men­des Lächeln, um den entschei­den­den Schritt zu einer persön­li­chen Helden­tat nach vorne zu machen? Es kostet weder Zeit noch Ener­gie, Befür­wor­tung auszu­drü­cken – selbst, wenn sich diese Befür­wor­tung in konstruk­ti­ver Kritik äußert. Ein sanf­tes Nicken für den ande­ren. »Bleib am Ball! Gib nicht auf! Du bist auf dem rich­ti­gen Weg!«

Und Du?
Wie wäre es damit:

Schließ dieses Fens­ter. Und mach jeman­dem diese Freude.
Schenke ande­ren Deine Bestä­ti­gung.
Es kann nur Gutes daraus entste­hen.
Für Dich. Für den ande­ren.

Kai