Julia konnte sich gar nicht erin­nern, wann sie das Kino betre­ten hatten. Stan­den sie nicht noch vor ein paar Augen­bli­cken auf der Brücke? Aber der Herr mit dem Namen Lukas Lucky Fate ließ ihr gar keine Zeit für ihre Fragen, als er mit schnel­len Schrit­ten über den weichen roten Teppich des digi­ta­len Thea­ters schritt und Julia mit seiner Hand hinter sich herwinkte.

Von den weni­gen Anwe­sen­den im Kino schien sich niemand für sie zu inter­es­sie­ren und auch der Karten­ab­rei­ßer schenkte den beiden keine Aufmerk­sam­keit, als wären Lucky und Julia unsicht­bar.

»Saal Zwei … « , murmelte Lucky vor sich hin. Dann blieb er plötz­lich stehen und drehte sich um. Der Kopf des Mannes wiegte hin und her und er zupfte an seinem spit­zen Bart. »Brau­chen wir noch Nachos?«

»Was … tun wir hier eigent­lich?« Für eine Sekunde zog eine Welle von Unsi­cher­heit durch Julias Körper. Diese verschwand aber genau in dem Moment, in dem Lucky sein weißes Grin­sen offen­barte.

»Dir werden gleich die Augen ausfal­len … Wobei, ich hoffe doch nicht … Das letzte Mal, als das passiert ist, muss­ten wir stun­den­lang nach den Dingern suchen … « Lucky schüt­telte den Kopf, als er selbst merkte, wie wirr er redete. »Wie auch immer. Nachos? Ja oder nein?«

»Eh … «

»Also ja, sehr schön!« Ohne weiter darüber nach­zu­den­ken, zog er Julia am Hand­ge­lenk weiter zur Bar. Es war eine Kasse geöff­net, vor der sich gut ein Dutzend Leute tummel­ten. Sie trugen statt­li­che Anzüge und Klei­der und gehör­ten offen­sicht­lich zu einer geho­be­nen Klasse. Ein Herr hatte sich wohl sogar eine ganze Flasche Cham­pa­gner gekauft, die er nun in der schwa­chen Beleuch­tung des Kinos musterte.

Lucky stellte sich an die zweite Kasse.

»Ähm … «, stam­melte Julia. »Ich glaube nicht, dass … «

»Was kann ich Ihnen brin­gen, der Herr?« Die Frage war schon gestellt, bevor die Bardame über­haupt an der Kasse ange­kom­men war. Natür­lich teilte sich die lange Schlange nun in zwei Stück auf. Lucky schenkte Julia über seine Schul­ter hinweg nur ein wissen­des Lächeln.

Mit gold­ge­bräun­ten Nachos in der Schale, die nach feuri­gen Pepe­roni schmeck­ten, führte Lucky sie nun zum Eingang von Saal Zwei. Vor den Türen stand ein dicker Kerl mit brei­ten Schul­tern. Er hatte die Arme verschränkt und musterte Lucky und Julia abschät­zend.

»Sie kommen gerade pünkt­lich, Mr. Fate.« Die Stimme des Türste­hers war dunkel und unan­ge­nehm.

»Immer«, gab Lucky als Antwort zurück, und als der dicke Aufpas­ser die Türen aufzog, nickte er Julia sachte zu, dass sie vorge­hen dürfte.

Der Kino­saal war ausnahms­los leer, dafür aber sauber geputzt und aufge­räumt, als hätte sich hier in den letz­ten Stun­den niemand aufge­hal­ten. Lucky tänzelte fast schon die Trep­pen­stu­fen nach oben, als er in der sieb­ten Reihe einkehrte und es sich auf einem der mitt­le­ren Plätze bequem machte. Julia blieb zuerst noch bei den Trep­pen stehen und über­blickte den ganzen Saal. Was mache ich hier über­haupt? Wie sie in das Kino gekom­men waren, konnte sie sich immer noch nicht erklä­ren.

»Du hast freie Platz­wahl!«, jubelte Lucky ihr zu und ein lautes Knacken dröhnte durch den Raum, als er auf seinen Nachos herum­knab­berte.

Nach einem kurzen Zögern machte es sich Julia neben Lucky bequem. Die Sitze waren unheim­lich geschmei­dig und schmieg­ten sich an das Kleid der jungen Frau an. Am liebs­ten würde Julia jetzt wohl die Augen schlie­ßen und ein Nicker­chen machen.

»Wir hätten viel­leicht auch noch etwas zu trin­ken mitneh­men sollen«, meinte Lucky und blickte genüss­lich auf die geschlos­se­nen Vorhänge des Kino­saals.

»Lucky … Was genau tun wir hier?«, stellte Julia nun endlich die Frage.

»Wir tref­fen den Heili­gen Geist, was dach­test du denn«, gluckste dieser und blickte einmal auf seine Uhr. »Und er ist spät dran, der alte Sack.«

Was tue ich hier eigent­lich? Ich bin mit einem Verrückten unter­wegs! Oh, Gott …

Plötz­lich raschelte es im Saal und die Vorhänge wurden beiseite gezo­gen. Das weiße Licht des Kino­pro­jek­tors schim­merte auf die Lein­wand und es dauerte ein paar Sekun­den, bis sich ein Bild zeigte.

Und dann Wolken. Über­all Wolken.

»Herrje … «, beschwerte sich Lucky. »Müssen die heute jeden Pups digi­tal animie­ren? Die echten Wolken fand ich schö­ner.«

»Ist das eine Beschwerde?« Eine tiefe, brum­mende Stimme drang durch die Laut­spre­cher des Saals und nur eine Sekunde später trat ein alter Mann in einer weißen Robe ins Bild. Julia blin­zelte ein paar Mal und schaute noch einmal genauer hin. Der Alte sah aus wie die zahl­rei­chen Porträts, die es vom Heili­gen Geist gab, auf denen er immer als alter Mann mit weißen Haaren und mit einer Ausstrah­lung von Weis­heit abge­bil­det wurden. Der einzige Unter­schied war aber wohl, dass dieser alte Mann Flip Flops um die Füße trug. Grüne Flip Flops.

»Ich ziehe euch dann mal rein«, sagte der Heilige Geist und schnippte mit den Fingern. Für Julia fühlte es sich an, als würde sich die Lein­wand dehnen und über den Kino­saal legen, als die knuffi­gen Wolken größer wurden und näher kamen. Dann war das reine Weiß plötz­lich über­all. Und dann saßen Lucky und sie auf einer dieser Wolken. Sie starrte nach rechts, doch Lucky knab­berte nur weiter seine Nachos.

»Will­kom­men auf Wolke Acht«, murmelte der Heilige Geist und schüt­telte eine kleine schwarze Wolke von seinem Gesicht ab, die mit klei­nen gelben Blit­zen drohte. »Wenn ihr mir bitte folgen würdet.«

Es gab auf dem Weg – von den Wolken abge­se­hen – nicht viel zu sehen. Bei jedem Schritt hatte Julia das Gefühl, als würde der Boden wie Schnee nach­ge­ben. Aber es machte Spaß, sich auf dem weichen Unter­grund zu bewe­gen. Doch plötz­lich machte sie Halt und starrte zuerst den Heili­gen Geist und dann Lucky an. »Ist das hier … echt?«

»Nein, nein«, antwor­tete Lucky mit einem Grin­sen. »In Wirk­lich­keit schläfst du gerade und träumst das hier alles nur.«

Es zog eine Wolke an ihnen vorbei, die etwas gräu­lich schim­merte. Julia konnte darauf ein blaues Gehege erken­nen … Und in diesem Gehege befan­den sich … Schafe? Julia kniff sich einmal selbst und schaute dann genauer hin. Sie konnte erken­nen, dass eines der Schafe an der Wolke knab­berte, während ein ande­res auf dem Rücken lag und die Bein­chen in die Höhe gestreckt hatte.

»Das war früher das Promo­ti­on­team für die Geburt Jesu«, erklärte der Heilige Geist beim Vorbei­ge­hen. »Die dämli­chen Hirten hätten Gabriel niemals gefun­den, wenn wir Klaus und Lulu nicht gehabt hätten.«

»Dass die beiden Klaus und Lulu heißen, wusste ich auch noch nicht«, sagte Lucky mit leckte sich genüss­lich die Finger ab, während er die leere Nacho­schale behut­sam auf dem Boden abstellte.

Schließ­lich kamen sie auf eine Wolke, die tatsäch­lich den Anschein erweckte, als würde sie aus rosa Zucker­watte bestehen. Über eine kleine Brücke aus schwar­zem Marmor führte der Heilige Geist sie weiter, bis sie an einen großen Tisch kamen, der aus dunk­lem Eichen­holz gefer­tigt wurde.

Julia erkannte sofort, dass es sich hier um zwei Parteien handelte. Auf der linken Seite saß ohne Zwei­fel der Teufel. Er hatte zwar keine Hörner, aber die rote Haut, der gefähr­li­che Blick und die langen Finger­nä­gel spra­chen ganz für sich selbst. Der andere Mann war dafür eher unschein­bar. Er trug einen weißen Anzug mit einer tief­ro­ten Krawatte. Die Haare waren mit Gel nach hinten gekämmt und die blauen Augen spiel­ten zusam­men mit den zucken­den Mund­win­keln ein schel­mi­sches Spiel. Vor ihm auf dem Tisch lag ein großer roter Zylin­der­hut, auf den zwei bösar­tig wirkende Augen gemalt wurden.

Auf der ande­ren Seite saß eine pumme­lige, aber dennoch faszi­nie­rend schöne Frau mit langen roten Haaren, die zu einem Zopf gebun­den waren. Sie betrach­tete ein Fach­ma­ga­zin über Natur­wun­der, das auf dem mäch­ti­gen Tisch aufge­schla­gen war.

»Lucky Fate!« Bad Ego erhob sich von seinem Platz und rückte seine Krawatte zurecht. Dann trat er mit kräf­ti­gen Schrit­ten auf den Meis­ter des Schick­sals zu und schlug ihm einmal spie­lend, aber wenig herz­haft, auf die Schul­ter. »Es ist schön, dich zu sehen.« Noch ehe jemand reagie­ren konnte, drehte sich Ego auch schon zu Julia um und verneigte sich dezent. »Und diese Blume muss den Namen Julia tragen.« Der Kerl griff nach ihrer Hand und hauchte einen Kuss auf deren Rücken. Julias Wangen pulsier­ten rot, als sie wahr­nahm, was gerade passierte.

»Ego … lassen wir den Quatsch«, sagte Lucky nun weni­ger erhei­tert.

»Wenn sich die Dame und die Herr­schaf­ten setzen würden«, sagte der Heilige Geist, der nun am Kopf­ende des Tisches seinen Platz gefun­den hatte, »würde ich die Bespre­chung gerne begin­nen.«

Bad Ego grinste Julia kurz hämisch an und drehte dann auf der Stelle, um neben dem Teufel wieder seinen Platz zu finden. Lucky schenkte Julia ein aufmun­tern­des Lächeln und führte sie dann zu Clemen­tine, die mitt­ler­weile auf der letz­ten Seite des Maga­zins ange­kom­men war.

»Wo sind die Kekse?«, raunte Lucky Clemen­tine an und biss sich auf die Unter­lippe, als er verzwei­felt suchte.

»Die hab ich schon geges­sen«, antwor­tete sie und blies ihre Wangen auf.

»Wie viel hast du denn mitge­bracht? Zwei?«

»Zwei­tau­send trifft es eher … Die beiden Typen nerven einfach nur gewal­tig.«

Ein Räus­pern des Heili­gen Geis­tes. Plötz­lich machte eine vorbei­flie­gende Wolke am Kopf­ende des Tisches Halt und kippte nach vorne, sodass es aussah, als würde es sich um eine plüschige Wand oder Tafel handeln. Auch wenn nirgends ein Projek­tor zu sehen war, zeigte sich ein großes schwar­zes Kreuz auf der soeben erschaf­fe­nen Lein­wand.

»Dann fangen wir einmal an … Wir kennen uns ja alle schon, von daher können wir die Vorstel­lungs­runde einmal über­sprin­gen.«

»Eh … «, unter­brach Lucky den Heili­gen Geist. »Ich glaube nicht, dass meine Beglei­tung hier alle kennt.«

»Also mich kennt sie schon«, grinste Bad Ego. Die Aussage allein ließ schon nichts Gutes befürch­ten. An Julia direkt gerich­tet fuhr er dann fort: »Du erin­nerst dich viel­leicht an dieses Thea­ter­stück, als du drei­zehn Jahre alt warst und man dir die Haupt­rolle ange­bo­ten hatte … «

Julia blin­zelte ein paar Mal. Sie hatte die Erin­ne­rung noch sehr gut vor Augen, wie ihre Lehrer immer begeis­tert davon waren, welches Schau­spiel­ta­lent das Mädchen schon damals hatte. Als es dann aber um die Auffüh­rung vor der ganzen Schule ging, quälte Julia sich mit Angst und Bauch­schmer­zen. Sie stand sogar einen Abend vor dem Spie­gel und sagt sich selbst, dass sie gar nicht gut wäre und es niemals schaf­fen würde. Als sie auf die Rolle verzich­tet hatte, war auch ihr Werde­gang als Schau­spie­le­rin gestor­ben. Sie stand nie wieder auf einer Bühne.

»Hab ich gut gemacht, nicht?«, stichelte Bad Ego und lehnte sich entspannt zurück. Julia wusste erst gar nicht, wie sie darauf reagie­ren sollte, und war so dank­bar dafür, dass Clemen­tine ihr eine Hand auf die Schul­ter legte. »Lass dich nicht von ihm ärgern, Liebes.« Dann kramte die pumm­lige Frau eine Dose aus ihrer Hand­ta­sche. Als diese sich öffnete, strahlte Clemen­tine fröh­lich: »Keks?« Lucky verschränkte darauf­hin nur etwas belei­digt die Arme und streckte Clemen­tine die Zunge raus.

»Warum tref­fen wir uns heute über­haupt?« Er faltete die Hände zusam­men und blickte zuerst zu seinen Kontra­hen­ten, dann zum Heili­gen Geist.

»Ach, Lucky«, grunzte der Teufel. »Freust du dich nicht, dass wir uns einfach mal so sehen?«

»Nein, tu ich nicht«, gab dieser ganz klar zurück. »Also, worum geht es? Doch hoffent­lich nicht um Sun Enter­prise?«

»Nein, nein«, antwor­tete der Heilige Geist. »Sun wird zwar noch ein Thema werden, aber da haben wir noch ein biss­chen Zeit. Heute geht es um einen Vertrag mit der Gewerk­schaft, den Ego gestern abge­schlos­sen hatte.«

»Was inter­es­sie­ren mich die Verträge, die du mit der Gewerk­schaft aushan­delst?«, wollte Lucky wissen und blickte Bad Ego dabei direkt an. »Nicht, dass ich nicht neugie­rig wäre, aber machst du so etwas nicht täglich?«

»Würde ich gerne«, spot­tete Ego nun und ein gemei­nes Lächeln legte sich in seine Gesichts­züge. »Aber deine ande­ren Patente hast du ja verlän­gert.«

»Meine ande­ren … Patente?« Die Nach­richt legte sich wie ein Stein in Luckys Magen. »Wovon genau reden wir hier?«

»Schick­sals­schlag«, sagte Ego darauf­hin und konnte das Grin­sen gar nicht unter­drü­cken, als er Luckys Gesichts­aus­druck sah. Denn dieser saß nun mit aufge­ris­se­nen Augen da und starrte seine Gegen­seite einfach nur an.

»Schick­sals­schlag?«, hakte Clemen­tine nach.

»Schick­sals­schlag wurde vor acht­hun­dert Jahren von Lucky als eigene Marke einge­tra­gen«, erklärte der Heilige Geist. »Und bisher hatte er auch immer jedes Mal dafür gesorgt, dass seine Rechte an dem Begriff verlän­gert werden.«

»Und dafür hätte der Urlaub machende Clown«, grunzte der Teufel, »bis gestern Abend Zeit gehabt.«

»Ein Jammer, dass er da eine Frau kennen­ge­lernt hat, die zufäl­li­ger­weise auf der Liste von Exitus gelan­det ist«, kicherte Bad Ego. »Man könnte fast meinen, das Schick­sal meint es nicht gut mit Lucky.« Das Wort­spiel brachte Diabolo dazu, mit prus­ten­dem Lachen auf seinen Schen­keln herum zu donnern.

Julia blickte zwischen den einzel­nen Teil­neh­mern hin und her. Sie hatte das dumme Gefühl, dass sie diese Frau war. Lucky hüllte sich eine Zeit lang in Schwei­gen und trip­pelte nur mit seinen Fingern auf der Tisch­platte herum.

»Jeden­falls hat sich Bad Ego«, erklärte der Heilige Geist, »heute Morgen die Nutzungs­rechte sichern lassen. Er darf ab sofort jedes seiner Produkte mit dem Label Schick­sals­schlag verkau­fen.«

»Das wird ein super Licht auf mein Image werfen«, grum­melt Lucky in sich hinein. Dann schnappte er sich Clemen­ti­nes Hand­ta­sche und suchte nach der Box mit den Keksen.

»Du wirst begeis­tert sein, was für neue Güter ich auf den Markt brin­gen werde!« Wieder grinste Bad Ego … Bei dem Anblick biss sich irgend­et­was in Julias Magen­ge­gend. Sie konnte diesen Kerl nicht ertra­gen.

»Warum genau sitzen wir also hier?«, wollte Lucky schließ­lich wissen. »Die Demü­ti­gung hin oder her … Das Meeting hat doch noch sicher­lich einen ande­ren Grund?«

»Der andere Grund sitzt neben dir, Lucky«, antwor­tete der Heilige Geist und rich­tete seinen Blick dabei auf Julia.

»Ich?«, fragte sie erstaunt.

»Du gehörst ab heute mir!« Der Teufel zog die Nase hoch.

»Das kannst du schön verges­sen, Diabolo!« Lucky erhob sich von seinem Stuhl und stütze seine geball­ten Fäuste auf der Tisch­platte ab. »Julia wird in Frie­den gelas­sen!«

»He! Es war ihre Entschei­dung, auf Exitus’ Liste gesetzt zu werden!« In Diabo­los Stimm­bän­dern musste sich eine Schwei­ne­farm verste­cken, als die Wolke von seinem Grun­zen einge­nom­men wurde. »Du hast dich in Geschäfte einge­mischt, die dich nichts ange­hen, Lucky!«

Der Heilige Geist zupfte an seinem Bart und griff nach einer Fern­be­die­nung. Die Wolke, die sich als Tafel aufge­stellt hatte, leuch­tete plötz­lich wie ein Bild­schirm auf und zeigte einige Abbil­dun­gen von einer Brücke. Julia biss sich fast auf die Zunge, als sie sich dort allein stehen sah. »Erin­nerst du dich daran, Julia?« Der Gott klang sogar etwas trau­rig, als er die Frage stellte.

»Das ist doch Irrsinn!«, jammerte Lucky, der immer noch am Tisch stand.

»Lucky, bitte«, ermahnte ihn Bad Ego. »Es ist doch nur Busi­ness – vergiss das bitte nicht.«

Gott klickte auf der Fern­be­die­nung ein paar Tasten und weitere Bilder zeig­ten sich, dieses Mal aus nächs­ter Nähe. Nun war auch Lucky zu sehen, der auf Julia einre­dete. »Also … Erin­nerst du dich?«, wieder­holte der Heilige Geist die Frage.

»Natür­lich … erin­nere ich mich«, stam­melte Julia und ihre Augen wurden leicht glasig.

»Und hattest du vor, dich von der Brücke zu werfen?«, fragte Diabolo und ohne Zwei­fel lag eine Spur von Hohn in seiner Stimme.

»Ich … « Julia wusste nicht, wie sie diese Frage beant­wor­ten sollte.

»Sag nichts«, flüs­terte Clemen­tine und faltete die Hände auf dem Tisch zusam­men. Plötz­lich ertönte ein heller Chor­ge­sang direkt vor dem Heili­gen Geist. Der Gott zuckte kurz zusam­men und grinste dann etwas schief. »Oh sorry, hab wohl verges­sen, mein Handy abzu­schal­ten.«

»Empfängst du Gebete immer noch über dieses alte Gerät?« Bad Ego schüt­telte kräf­tig den Kopf. »Kauf dir mal ein Blue­tooth-Head­set!«

Der Heilige Geist starrte kurz das Display seines Handys an, drückte den Anruf dann aber weg. Für einen kurzen Moment schien es, dass er Clemen­tine böse anfun­keln würde. Dann legte er wieder ein Schmun­zeln in sein Gesicht.

»Wir woll­ten klären, ob Madame sich von der Brücke werfen wollte«, erin­nerte Diabolo nun etwas gelang­weilt. »Ich hab ihr Zimmer schon reser­viert … Könn­ten wir das bitte schnel­ler klären?«

»Exitus’ Bericht darüber ist ziem­lich klar«, ergänzte Bad Ego nun. »Lucky hat sich in unsere Geschäfte einge­mischt. Und das wird teuer!«

Wieder drückte Gott ein paar Tasten auf der Fern­be­die­nung. Nun sahen sie detail­lierte Aufnah­men von Julia, Lucky und einer weite­ren Gestalt, die eine Ziga­rette rauchte. Eindeu­tig handelte es sich dabei um den Tod, Exitus.

»Kann mir jemand erklä­ren, warum er seinen Job nicht erle­digt hat, wenn sie auf der Liste stand«, fragte Clemen­tine nach, ehe sie ihre Hand kurz entschul­di­gend auf Julias Arm legte. »Tut mir leid, wenn das jetzt so kalt klang.«

»Das hat Exitus tatsäch­lich nicht in seinem Bericht vermerkt«, beant­wor­tete der Heilige Geist die Frage.

»Lucky hat ihn besto­chen, ist doch klar!« Bad Ego rollte mit den Augen und schob den roten Zylin­der vor sich hin und her. »Selbst Hat Red würde das erken­nen!«

»Du hast deinen Hut … « Clemen­tine sparte sich die rest­li­chen Worte und winkte ab. »Äh … Also … Selbst wenn Exitus besto­chen wurde, würde das dennoch nicht bedeu­ten, dass Julia mit Diabolo mitge­hen müsste.«

»So seh’ ich das auch!« Lucky nickte mehr­mals, um Clemen­ti­nes Worte zu bestä­ti­gen.

»Ich würde sagen, wir befin­den uns hier in einer recht­li­chen Grau­zone«, sagte der Heilige Geist dann und wieder fixierte sein Augen­paar die junge Julia. »Deshalb darfst du selbst entschei­den, welchen Weg du nun gehen möch­test.«

Ich soll selbst entschei­den? Da gibt es nicht viel zu entschei­den! Natürlich werde ich nicht mit diesen beiden Papp­na­sen mitge­hen! Julia schluckte einmal.

»Jetzt nicht belei­di­gend werden, Madame!«, grum­melte Bad Ego und setzte sich den Hut auf. Es sah nun so aus, als würden vier Augen auf die junge Frau star­ren.

»Er kann Gedan­ken lesen«, erklärte Clemen­tine und knus­perte den nächs­ten Keks. Halb schmat­zend fügte sie noch an: »Können wir eigent­lich alle.«

»Dass du nicht mitkom­men willst«, sagte der Teufel, »hast du dir aber plötz­lich sehr schnell über­legt. Die letz­ten Tage hattest du damit kein Problem!«

Die letz­ten Tage …  Julia seufzte und sprach es dann doch laut aus. »Die letz­ten Tage hatte ich auch keine Ahnung, mit wem ich es zu tun habe!«

»Ein guter Punkt!« Bad Ego klatschte in die Hände und selbst der rote Zylin­der hatte jetzt ein Grin­sen aufge­malt. »Warum darf sie an diesem Meeting über­haupt teil­neh­men?! Sie ist immer noch ein stink­nor­ma­ler Mensch!«

»Nicht ganz«, wider­sprach der Heilige Geist und konnte sich ein Kichern nicht verknei­fen. »Laut den Unter­la­gen der Gewerk­schaft ist Julia gerade Luckys Sekre­tä­rin auf Probe­zeit.

»Bitte was?!«, donnerte es aus dem Teufel heraus. »Seit wann ist so etwas über­haupt erlaubt?«

»Muss Schick­sal sein«, grinste Clemen­tine nun etwas erhei­tert auf. Auch Julia konnte sich ein Schmun­zeln nicht verknei­fen, als der rote Hut auf Egos Kopf seine Mund­win­kel nach unten zog und kleine blaue Perlen unter den Augen erschie­nen. »Probe­zeit, mh?«, hakte Diabolo nach. »Na, das wird eine span­nende Probe­zeit werden! Ich werde Gevat­ter Krieg persön­lich darauf anset­zen!«

»Nach­dem das mit Exitus so schön geklappt hat«, murmelte Lucky vor sich hin, »würde ich jetzt nicht unbe­dingt auf seinen Bruder zurück­grei­fen.«

»Na … wenigs­tens gehört der Schick­sals­schlag jetzt mir.« Stolz rückte sich Bad Ego den Hut auf dem Kopf zurecht. »Und ich werde dafür Sorge tragen, dass alle Menschen ihr Schick­sal verdam­men werden!«

»Reizend«, kommen­tierte Clemen­tine. Dann blickte sie in die leere Dose und flüs­terte. »Weni­ger reizend.«

»Ich hätte dann noch ein Thema, wenn … « Der Heilige Geist stutze und der verzwei­felte Versuch, die Präsen­ta­tion auf der Wolke fort­zu­füh­ren, schlug fehl. Plötz­lich blinkte die flau­schige Wand rot auf und fiel um. »Mist … Batte­rien leer! Äh … unter diesen Umstän­den vertage ich den Rest der Sitzung!«

»Was hätten wir denn noch bespro­chen?«, hakte Clemen­tine nach und verstaute die Box wieder in ihrer Hand­ta­sche.

»Santa Claus hat sich bei mir gemel­det. Er wollte darum bitten, dass ihr vier ein paar Augen zudrü­cken könn­tet, wenn der Herr Weih­nachts­mann seinen Stand­ort in die Türkei verle­gen will.«

»Inter­es­siert mich nicht«, grunzte Diabolo.

»Hat er wieder Ärger mit den Pingui­nen?«, wollte Clemen­tine besorgt wissen. »Ich kann mich erst darum kümmern, wenn wir Klar­heit von Sun haben.«

»Die Vögel waren eben nicht so begeis­tert, dass du sie auf den Nord­pol verfrach­tet hast, meine Hübsche«, spot­tete der Teufel.

»Die Pinguine waren auch nicht so froh darüber, dass du ihren Südpol schmel­zen lassen hast«, konterte die Klima­fee.

»Ich tue nur das, was mir gesagt wird.« Entschul­di­gend hob er seine Hände und ein Kopf­ni­cken ging an Bad Ego. »Außer­dem waren die Flut­ka­ta­stro­phen doch lustig, nicht wahr?«

»Exitus hatte seinen Spaß, keinen Zwei­fel«, lachte Bad Ego auf.

»Sehr witzig«, murmelte Lucky und ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen. »Sind wir also hier durch?«

»Ich werde Santa also grünes Licht für seinen Stand­ort in der Türkei geben?«

»Meinet­we­gen kann Santa auch einen Stand­ort in Nord­ko­rea haben«, sagte Bad Ego. »Aber dann könnte man ihn mit einer Nukle­ar­ra­kete verwech­seln … hehe!«

»Dann sind wir durch«, bestimmte der Heilige Geist. »Euch noch ein schö­nes Jahr­tau­send und bis zum nächs­ten Mal!«

 

Sie hatte einen verspann­ten Nacken. Zuerst war Julia gar nicht klar, dass sie in einem Kino­saal einge­schla­fen war. Die Rücken­lehne ihres Sitzes hatte sich in ihren Nacken gebohrt, der nun schmerz­haft aufheulte. Sie rieb sich mehr­mals die Augen und blickte sich um. Doch der Saal war leer, die Lein­wand dunkel und auch keine Geräu­sche waren zu hören.

Hab ich das alles nur geträumt? Gerade, als sie sich aufrich­ten wollte, bemerkte sie die Schale mit den Nachos, die auf ihrem Schoß lag. Erschro­cken zuckte sie auf und natür­lich kleckerte sie die Käse­soße auf den Saum ihres schwar­zen Klei­des. Na, super!

Als Julia den Saal verließ, erkannte sie ein paar wenige Gäste, die an der Snack­bar stan­den und Getränke bestell­ten. Von Lucky Fate war aber nichts zu sehen. Habe ich das wirk­lich alles nur geträumt? Und wenn ja, wie kam ich in das Kino?

Als sie die Damen­toi­lette betrat, schnappte sie sich ein paar Tücher und putzte damit die Flecken auf ihrem Kleid ab. »Nicht schön, aber bis zu Hause sollte es reichen«, murmelte sie. Als sie gerade dabei war, ihre Hände zu waschen, ertönte ein leises Maun­zen hinter ihr.

War das … ? Irri­tiert drehte sich Julia um und blickte auf den Fußbo­den der Toilette. Sie konnte ihren Augen nicht trauen. Auf den Hinter­bei­nen saß ein zebra­ge­streif­tes Kätz­chen und starrte die junge Frau mit seinen sonder­bar grünen Augen an. »Maunz!«

»Ja, wer bist du denn?« Julia ging in die Hocke und lächelte den Vier­bei­ner an. Lang­sam näherte sie sich mit ihrer Hand und das gestreifte Kätz­chen wiegte den Kopf neugie­rig hin und her. Es schnurrte vergnügt auf, als Julia ihm über den Rücken strei­chelte. Auf einmal machte es einen Satz nach vorne, umkreiste Julia einmal und sprang dann zuerst auf ihre Schul­ter, um sich von da aus weiter ihren Kopf zu erklim­men.

»He!«, kicherte Julia und vorsich­tig wollte sie mit beiden Händen die Katze von ihren Haare entfer­nen. Doch jedes Mal schob der kleine Tiger diese von sich weg, indem er seine Pföt­chen nach vorne schnel­len ließ. »Na, schön«, murmelte Julia und drückte sich lang­sam wieder in den Stand. Als sie in den Spie­gel des Wasch­raums blickte, erkannte sie, wie die grünen Augen der Katze auf ihr ruhten.

Als Julia sich dann der Refle­xion der beiden an der Wand näherte, fiel ihr das erste Mal auf, dass dort ein ganz ande­rer Wasch­raum zu sehen war, als der, in dem sie stand. Instink­tiv drückte sie ihre flache Hand gegen die Scheibe und eine pulsie­rende Wärme brachte ihre Fingern zum Krib­beln. Etwas erschro­cken trat sie wieder einen Schritt zurück und für eine Sekunde hatte sie die Befürch­tung, die Katze, die es sich auf ihrem Kopf bequem gemacht hatte, würde gleich krat­zen – doch es geschah nichts.

Julia drehte sich um und staunte über die roten Toilet­ten­tü­ren, die eben noch weiß waren. Da sprang der gestreifte Tiger wieder auf den Fußbo­den und huschte auf die Ausgangs­türe zu. Die Klauen ausge­fah­ren, kratzte das Kätz­chen an der Türe. »Maunz, maunz, maunz!«

Julia blin­zelt ein paar Mal und ihr bohren­der Blick ging durch den Wasch­raum. Werde ich jetzt verrückt? Sie trat auf die Türe zu und griff lang­sam nach der Klinke.

Zuerst blen­dete sie Sonne sie stark und ein warmer Wind wehte in die Toilette. Drau­ßen konnte Julia einen blauen Himmel mit verein­zel­ten weißen Wolken erken­nen. Das kleine Kätz­chen sprang sofort heraus und hüpfte auf eine grau­braune Brüs­tung, um sich wieder mit Stolz auf die Hinter­beine zu setzen. Julia folgte ihm und sie riss ihre Augen auf, als sie erkannte, wie hoch sie sich befin­den musste. Es waren bestimmt mehr als fünf­hun­dert Meter, die zwischen dem Erdbo­den und ihr lagen. Weite Flächen paar­ten sich mit brau­nen Hügeln. Die Wolken­krat­zer unter ihr sahen aus wie Minia­tu­ren und die roten Baukräne erkannte sie zuerst gar nicht.

»Oh cool«, erfreute sich eine Stimme hinter ihr und Lucky trat neben sie. »Du hast meine Katze gefun­den.«

»Wo … wo sind wir hier? Ich hab noch nie einen solchen Ort gese­hen.«

»Dann warst du noch nicht oft in Mekka«, kicherte Lucky und legte ihr freund­schaft­lich an Hand auf die Schul­ter. »Will­kom­men auf dem Mecca Royal Clock Tower Hotel, dem dritt­größ­ten Gebäude der Welt und meinem Haupt­ge­schäfts­sitz.«

»Wir sind in Saudi-Arabien?«, murmelte Julia erstaunt und immer noch such­ten ihre Augen begeis­tert die Umge­bung ab.

»War Karmas Idee … oh rich­tig! Du kennst meine Frau ja noch gar nicht!« Lucky lachte kurz auf und zog Julia dann mit sich. »Was willst du als Erstes sehen?«

»Äh … «, stam­melte Julia.

»Genau! Am besten zeig ich dir alles!«