Bunte Farben erhell­ten den nächt­li­chen Himmel über den riesi­gen grauen Bauklöt­zen, in denen tags­über so viel und flei­ßig gear­bei­tet wurde. Jetzt starr­ten nur ein paar verwun­derte Gesich­ter aus den Fens­tern heraus und bestaun­ten das Feuer­werk über den Stra­ßen. Als würde ein verspiel­tes Kind mit seinen Finger­far­ben auf der schwar­zen Lein­wand des Firma­ments malen, puff­ten die grel­len, fröh­li­chen Farben des Licht­spek­ta­kels unter tosen­dem Gedon­ner auf. Die lieb­lich roten Farb­töne reich­ten ihren blauen Kolle­gen die Hand und es hatte für einen kurzen Moment den Anschein, als würde die Zeit still­ste­hen und alle Augen einfach nur in Rich­tung des Ster­nen­him­mels gerich­tet sein, als sich zwischen den Himmels­kör­pern diese künst­le­ri­sche Leich­tig­keit breit­machte.

Ein paar kleine Kinder starr­ten mit offe­nem O-Mund und glasi­gen Augen nach oben, als würde der Eisver­käu­fer vor ihnen stehen. Nach­dem die Klei­nen durch das Feuer­werk nach drau­ßen gelockt wurden, muss­ten natür­lich auch die Eltern folgen. Leicht ange­trun­ken torkel­ten die Erwach­se­nen – das Glas mit dem Cham­pa­gner noch in der Hand – auf den verglas­ten Ausgang des Hotels zu. Und endlich … endlich! … konnte man in dem großen Foyer wieder atmen. Wer hätte denn auch gedacht, dass sich so viele Touris­ten auf einmal in dem Gebäude sammeln würden. Zyni­ker hätten vermu­tet, dass sich afri­ka­ni­sche Flücht­linge geschickt unter die Leute gemischt hätten – und das sogar in elegan­ter Klei­dung! Selbst in den Gesich­tern der Hotel­da­men konnte man die blanke Erleich­te­rung erken­nen, als sich die Gäste wenigs­ten für eine kurze Zeit ablen­ken ließen. »Gott sei Dank«, murmelte eine Kell­ne­rin, als sie mit einem Stapel Cock­tail­glä­ser auf dem Arm in der Küche verschwand. Gott hatte vermut­lich nicht viel damit zu tun. Aber das muss sie ja nicht wissen.

Lukas ›Lucky‹ Fate spielte etwas an seiner knal­l­oran­ge­far­be­nen Krawatte, als er mit strah­lend weißem Grin­sen auf die Bar des Hotels zuging. Er hatte den ganzen Tag über auf seinem Zimmer gele­gen und gedöst, weshalb es kein Wunder war, dass sein Gaumen nach einem köst­lich lieb­li­chen Rotwein – oder doch lieber einen süßen Kiba-Saft? – verlangte. Dass das Foyer des Hotels hoff­nungs­los von Gästen über­füllt war, hätte er wissen können, aber auch jemand wie Lucky lässt sich gerne über­ra­schen, ist er am Ende doch so oder so für das Schick­sal der Welt verant­wort­lich. Lucky Fate. Der Name ist Programm.

Dass das Ablen­kungs­ma­nö­ver in einem Feuer­werk enden würde, hatte ihn für einen Augen­blick selbst über­rascht. Ja, er hatte sich gewünscht, einen freien Sitz­platz an der Bar zu bekom­men, aber dass nun beinahe alle Plätze frei wurden, war doch mehr als ein glück­li­cher Zufall. Auch wenn es Zufälle gar nicht gab, das wusste Lucky nur zu gut.

»Was darf es sein, der Herr?«, fragte der Barkee­per und über­tönte mit seiner Stimme das Rascheln des Shakers, den er wuch­tig schüt­telte.

»Haben Sie Vanil­le­milch da?« Lucky zupfte bei der Frage wissend an seinem weißen Spitz­bart.

»Haben wir!«, gab der Barkee­per zurück, öffnete den Deckel des Shakes und füllte den Inhalt um.

»Dann reden wir doch einmal über einen Kiba mit einem Schuss Vanil­le­milch … aber nicht zu viel davon rein­feu­ern!«

Die Bestel­lung schien den jungen Mann hinter der Theke nun aus dem Konzept gebracht zu haben. Lucky gluckste erfreut in sich hinein. Wenn alles nach Plan laufen würde, dann würde eben jener junge Barkee­per in zwei Jahren seine eigene kleine Cock­tail­bar haben und der Kiba-Saft mit dem Schuss Vanil­le­milch das belieb­teste Getränk in dem Schup­pen, zusam­men mit ande­ren sonder­ba­ren Varia­tio­nen von Geträn­ken, die im ersten Moment alles andere als verdau­lich klin­gen. Aber mal ehrlich … Tequila war ursprüng­lich auch nur als medi­zi­ni­sches Abführ­mit­tel gedacht. Es entbehrte jeder Logik. Und die einzige Logik, die noch zählte, war, dass die Kids heut­zu­tage so oder so jeden Mist tran­ken.

Eigent­lich hatte Lucky ja Urlaub. Aber mit dem Schick­sal ist es so wie mit dem passio­nier­ten Schrift­stel­ler, der elegan­ten Tänze­rin oder dem lügen­den Poli­ti­ker: Warum aufhö­ren, wenn es gerade so Spaß macht? Außer­dem genoss Lucky es, einmal persön­lich unter Leuten zu sein. Wäre er der Weih­nachts­mann gewe­sen, würde der Urlaub sein persön­li­ches Weih­nach­ten darstel­len. Irgend­wann vor Chris­tus hatte die Gewerk­schaft des Omens nämlich beschlos­sen, dass das Schick­sal der Welt nicht in den Händen eines Einzel­nen liegen dürfte. Es dauerte daher nicht lange, bis die ersten Spinn­rä­der für die sagen­um­wo­be­nen Schick­sals­fä­den fertig­ge­stellt waren. Und wie es in Indus­trien eben so läuft: Hat man einmal das ganze System auto­ma­ti­siert, muss man es nur noch kontrol­lie­ren. Und so wurde Lucky vom Hand­wer­ker zum Unter­neh­mer. Dabei machte es so viel Spaß, das Schick­sal in die eige­nen Hände zu nehmen.

Die Aufsicht der aber­mil­lio­nen Schick­sals­rä­der erin­nerte ein wenig an den Aufent­halt in einer Biblio­thek und einer Menge an Lebens­stoff, die es zu lesen gab. Das Schöne – und manch­mal Gruse­lige – war wohl der Umstand, dass jedes dieser Bücher eine Geschichte erzählte, die von vorne bis hinten echt war. Sehr selten gab es einmal Logik­brü­che, die Lucky dann an die entspre­chen­den Behör­den weiter­ge­ben durfte, wie einmal, als die Wahl­zet­tel-Zähl­ma­schi­nen der Ameri­ka­ner nicht rich­tig funk­tio­nier­ten. Lucky hatte sich äußerst geär­gert, weil es ein Kinder­spiel gewe­sen wäre, die Sache zu repa­rie­ren. Aber nicht nur die Büro­kra­tie der Menschen war … büro­kra­tisch. Am Ende hatte irgend­je­mand den Antrag verschlampt, und als Lucky noch­mals nach­hakte, war die Sache mit den Wahlen schon gelau­fen. Nach solchen Momen­ten brauchte auch jemand wie Lucky unbe­dingt Urlaub.

Lucky wollte gerade an seinem ausge­zeich­ne­ten Kiba schlür­fen, als die Beat­les in seinem Jackett anfin­gen, Let it be zu singen. Hoffent­lich ist es wich­tig. Er seufzte stark und stellte sein Glas wieder ab, um das Klapp­handy – Lucky war kein Freund von diesem neumo­di­schen Smart­phone-Kram – aus der Innen­ta­sche zu zupfen. Als er sich auf dem Barho­cker einmal halb drehte, um sich an den Tresen anleh­nen zu können, fiel Lucky für eine Sekunde die junge Frau auf, die drei Plätze weiter, einsam und mit trau­ri­gen Augen, ihr Spie­gel­bild an der Fassade der Bar anstarrte.

»Fate«, meldete sich Lucky mit seinem Nach­na­men.

»Hey, Lucky«, sagte eine bezau­bernd süße Frau­en­stimme am ande­ren Ende. Es war Karma – Luckys Frau.

»Hallo, Schatz«, grinste er vor sich hin. »Was erlaubst du dir, mich an meinem letz­ten Urlaubs­tag zu stören, Lieb­ling?« Lucky konnte sich eine Spur der Scha­den­freude nicht verknei­fen, nach­dem Karma ironi­scher­weise für ihn einsprin­gen musste, während er im Urlaub war. Sicher, Lucky hätte sich auch gefreut, mit seiner Frau zusam­men einmal durch die Welt zu reisen, aber da würden beide wohl warten müssen, bis sich endlich jemand mit Quali­fi­ka­tion auf die Stelle als Schick­sal­sas­sis­tenz bewor­ben hätte.

»Gott hat gerade eben ange­ru­fen und gefragt, wann du Zeit für einen Termin hättest. Er meinte, es wäre drin­gend.«

»Gott? Welcher denn? Sag jetzt nicht, Shiva!« Lucky konnte den Zerstö­rer der Hindus nicht wirk­lich leiden. Das lag aber vermut­lich daran, dass Lucky einfach mit der Vorstel­lung, dass Schöp­fung aus Zerstö­rung resul­tie­ren würde, nicht klar­kam. Außer­dem plus­terte Shiva immer gerne seine Gestalt auf, und nach­dem ihm verbo­ten wurde, Schlan­gen um den Hals zu tragen, musste er zwangs­weise auf mäch­tige Gold­ket­ten umstei­gen, die ein wenig an Hip-Hop erin­ner­ten. Nur die Kappe fehlte bisher. Aber das musste Shiva ja niemand sagen.

»Nein, nicht Shiva … Der Heilige Geist war dran«, antwor­tete Karma schließ­lich. Ihre Stimme ging fast in dem feiern­den Geklir­ren der Hotel­gäste unter.

»Was will der Gott der Chris­ten von mir?« Lucky hatte die Frage laut gestellt und einige Gäste des Hotels, die nun wieder ihre Plätze such­ten, blick­ten ihn mit verwirr­ten Gesich­tern an.

»Das hat er nicht gesagt, nur, dass es wich­tig wäre.«

»Muss ich wieder jeman­den aufer­ste­hen lassen?«

»Ich weiß es nicht, Lucky, Schatz … Was soll ich ihm sagen?«

»Wann will er sich denn mit mir tref­fen?«

»Am besten morgen noch«, antwor­tete Karma.

»Morgen?«, erwi­derte Lucky über­rascht. Für jeman­den wie den Heili­gen Geist war es eigent­lich üblich, sich sehr, sehr viel Zeit für Termine zu lassen. Wenn ein Gott wie er aber jeman­den wie Lucky in nur vier­und­zwan­zig Stun­den sehen wollte, dann musste wirk­lich etwas Schlim­mes passiert sein. »Ist gut«, sagte Lucky nach einem thea­tra­lisch lang gezo­ge­nen Seuf­zen. »Ich steh morgen um zehn auf seiner Wolke. Rich­test du ihm das bitte aus? Oh … und könn­test du ihn bitten, seine Kinder dieses Mal zu Hause zu lassen?«

»Du klingst gerade unmög­lich, Lucky«, beschwerte sich Karma.

»Ich hab Urlaub! Ich darf das! Wir sehen uns heute Abend dann wieder, Lieb­ling!«

So viel zum Urlaub. Lucky hatte sich irgend­wann mal die Frage gestellt, ob Leute wie er eigent­lich auch unter Burn-out leiden könn­ten. Ein Anruf beim Teufel hatte ausge­reicht, um ihm diese Sorge zu nehmen. Der Patron der Hölle hatte ihm versi­chert, dass sich solche ›Produkte‹ erst in der Test­phase befin­den würden und daher nur unter Menschen vorzu­fin­den wären.

Nach­dem das Feuer­werk ein Ende gefun­den hatte – zehn Minu­ten waren für fehlen­den Anlass auch über­trie­ben genug –, sammelte sich die Menschen­meute wieder im Hotel. Der Gestank nach Dutzend verschie­de­nen Parfums vermischte sich mit der zuneh­men­den Wärme im Foyer. Würde Lucky ster­ben können, wäre er dem Tod vermut­lich sehr nahe, denn durch seine Nase hindurch schien sich der Geschmack von Feige in seinem Rachen breit­zu­ma­chen. Für eine Sekunde war er neugie­rig, zu wem der Duft wohl gehö­ren würde, dann über­legte Lucky es sich anders. Der Herr des Schick­sals hatte gerade keine Lust, sich mit den ›Fakten‹ der Anwe­sen­den zu beschäf­ti­gen – so nannte er die geballte Ladung an Infor­ma­tio­nen zu jedem einzel­nen Schick­sal.

Als Lucky erfolg­reich aus dem Foyer nach drau­ßen flüch­tete, kam ihm eine frische Herbst­brise an kaltem Wind entge­gen, die noch einen leich­ten Geruch von Schwarz­pul­ver für sich in Anspruch nahm. Während von drin­nen das Geläch­ter der Touris­ten und klir­rende Gläser nach drau­ßen dran­gen, wurden die Stra­ßen der Stadt mit lautem Hupen in der Ferne bedeckt. Dann folgte auch schon die Sirene eines Poli­zei­wa­gens.

Ein Taxi fuhr vor und zwei Männer in Fußball­tri­kots stol­per­ten aus dem Wagen. Einer von ihnen schien seinen Fanschal voll zu sabbern, während der andere dem Taxi­fah­rer das Geld in die Hand drückte. Mit einem »Schala-la-lala!« marschier­ten sie in einem betrun­ke­nen Zick­zack auf den Hotel­ein­gang zu. »Uhhh«, raunte einer der beiden noch, » … rrr – hicks! – rrrei­zend!«

Bei der letz­ten Bemer­kung blickte Lucky nun doch über seine Schul­ter, rein aus Neugierde, wer oder was denn für einen besof­fe­nen Fußball­fan noch als ›reizend‹ beschrie­ben werden konnte. Tatsäch­lich musste er selbst dann aber über­rascht blin­zeln, als er die junge Schön­heit, die eben noch so verlo­ren an der Bar saß, im Eingang stehen sah. In Anbe­tracht ihrer Aufma­chung war ›reizend‹ gar nicht so verkehrt – das schwarze, figur­be­tonte Kleid mit den langen Ärmeln und die natür­lich fallen­den, brau­nen Locken waren Lucky zuerst aufge­fal­len.

»Frierst du dir nicht den Arsch ab?«, fragte Lucky unver­blümt. Er hätte der Frau vermut­lich auch eine unschöne Belei­di­gung an den Kopf werfen können – und sie wäre trotz­dem geblie­ben. Es reichte ein einfa­cher Blick in ihr Gesicht und ihre brau­nen Augen, um zu wissen, dass ihr gerade jede Gesell­schaft recht war.

Und tatsäch­lich zuck­ten ihre Mund­win­kel für den Bruch­teil einer Sekunde auf, ehe sich der kalte Wind wieder auf ihr Gesicht legte. »Sind nicht gerade Winter­kla­mot­ten«, gab sie recht knapp zurück.

Lucky legte den Kopf etwas schief und musterte sie genauer. Er schätzte sie auf Mitte oder Ende zwan­zig ein. Trotz der hohen Schuhe war sie recht klein, was aber zu ihrem zier­li­chen Auftre­ten passte. Doch von diesen körper­li­chen Ober­fläch­lich­kei­ten mal abge­se­hen, sah Lucky vor allem einen Menschen vor sich, der sich einsam fühlte. Er konnte sich nicht erklä­ren, warum. Das kam bei seinem Job nur selten vor.

»Ein fabel­haf­tes Kleid!« Mit einem warmen Lächeln in grünen Augen trat er auf sie zu und streckte seine Hand aus. »Ich bin Lucky!«

Einen Moment zögerte sie, doch dann entwich ihr ein sanf­tes Lächeln, als sie seine Hand schüt­telte. »Danke­schön … Ich bin Julia! Nett, Sie kennen­zu­ler­nen!«

»Julia, also, mh?« Lucky wollte gerade ihre Hand loslas­sen, als der Ärmel ihres Klei­des leicht zurück­rutschte. Es war nur ein winzi­ger Moment, der die Narben an ihrem Unter­arm offen­barte, aber er war lange genug, um das selt­same Gefühl in Lucky hervor­zu­ru­fen, dass er etwas damit zu tun hatte, dass Julia diese Narben trug.

Ai-ai-ai »Du hast das Feuer­werk verpasst«, über­spielte er die Sekunde dann mit einem flüch­ti­gen Zucken seiner Mund­win­kel.

»Das haben Sie auch!«, gab Julia scharf­sin­nig zurück.

»Wirk­lich?« Lucky grinste. Im selben Moment dröhnte ein hohler Schuss in die Luft, gefolgt von weite­ren. Als Lucky den Kopf in den Nacken legte, konnte er die klei­nen Feuer­werks­kör­per fast mit bloßem Auge ausma­chen, ehe sie mit lautem Knal­len aufgin­gen und erneut ein Farben­spiel demons­trier­ten, das der Schön­heit eines Regen­bo­gens gleich­kam.

»Woher haben Sie das gewusst?«, fragte Julia nun fassungs­los und starrte mit ihren brauen Augen nach oben.

»Betriebs­ge­heim­nis«, gluckste Lucky.

»Es ist wunder­schön!«, staunte sie und blickte verträumt in den Ster­nen­him­mel.

Plötz­lich klin­gelte wieder Luckys Handy. Er seufzte in sich hinein und zog das kleine Gerät aus seiner Tasche. Unbe­kann­ter Anru­fer … hurra!

»Fate«, meldete er sich wieder am Hörer, während seine Augen das lachende Knal­len des Feuer­werks beob­ach­ten.

»Einen schö­nen, guten Abend, Mister Fate«, sagte eine banal hohe Stimme am ande­ren Ende. Lucky konnte nicht einmal sagen, ob es sich bei dem Anru­fer, der offen­sicht­lich zu viel Helium inha­liert hatte, um einen Mann oder eine Frau handelte. »Hier spricht das Sekre­ta­riat von Ozon Universe. Unsere Präsi­den­tin, Misses Clemen­tine, würde gerne mit Ihnen spre­chen.«

»So, so!«, meinte Lucky etwas über­rascht und rollte mit den Augen. »Dann stel­len Sie mich doch einmal durch.« Es dauerte nur ein paar Klicks und die besagte Präsi­den­tin meldete sich am Appa­rat.

»Lucky?«

»Tine!«, antwor­tete er begeis­tert. »Du hast ja schon Ewig­kei­ten nichts mehr von dir hören lassen!«

»Äh … ja …, du weißt ja, wie das gerade ist. Unend­li­che Beschwer­den darüber, dass wir immer mehr Eisberge abbauen – und wir wissen immer noch nicht, wo wir in ein paar Jahren die Pinguine unter­brin­gen. Aber da quat­sche ich noch mit Terra drüber. Apro­pos, hast du letz­tens von ihr gehört? Anschei­nend laufen die Verhand­lun­gen mit Sun Enter­prise nicht so blen­dend.«

»Ja«, murmelte Lucky, damit Julia von dem Gespräch nicht so viel Wind bekom­men konnte. »Sun hat wohl einen Deal im Hinter­grund laufen und will in den kommen­den Jahr­hun­der­ten irgend­wann den Saft hier abdre­hen.«

»Das würde dann eine neue Eiszeit bedeu­ten«, bemerkte Tine besorgt. »Wenn die das durch­zie­hen, muss ich mir einen ande­ren Plane­ten suchen.«

»Und vergiss die Pinguine nicht«, antwor­tete Lucky zynisch. »Nein, ich denke nicht, dass Sun das durch­zie­hen kann. Da hab ich auch noch ein Wört­chen mitzu­re­den. Aber, ganz andere Frage – was verschafft mir die Ehre deines Anru­fes? Eigent­lich bin ich gerade im Urlaub. Hattest du Karma nicht erreicht? Sie sollte im Büro sitzen.«

»Oh … Ach! Ich wollte dich nur bitten, für die nächs­ten paar Tage keine Feuer­werke mehr über die Stadt zu feuern. Wir scan­nen gerade die aktu­el­len Werte in der Atmo­sphäre und deine Knall­ef­fekte brin­gen unsere Instru­mente etwas durch­ein­an­der.«

»Upsi«, grinste Lucky. »Wird nicht wieder vorkom­men …« Viel­leicht.

»Das wäre super«, antwor­tete Tine. Man konnte sie plötz­lich laut seuf­zen hören.

»Was ist los?«, wollte Lucky wissen.

»Hast du auch eine Einla­dung vom Heili­gen Geist bekom­men?«, gab sie die Frage zurück. »Ich hab gerade eine Mail mit den ande­ren Gästen bekom­men.« Clemen­tine legte eine sonder­bare Beto­nung auf das Wort ande­ren.

»Sag jetzt nicht«, murmelte Lucky nun. »Sind die beiden auch einge­la­den?«

»Das scheint etwas ganz Hefti­ges zu werden, Lucky«, antwor­tete Tine unru­hig. »Bad Ego, Diabolo, der Heilige Geist und wir beide an einem Tisch?«

Bad Ego und Diabolo gehör­ten mehr oder weni­ger zu den schar­fen Konkur­ren­ten von Lucky, wenn es darum ging, über das Schick­sal der Welt zu entschei­den. Während er jedem Menschen schon von Geburt an den einen glück­li­chen Weg in die Wiege legte, hatte Bad Ego schon recht früh beschlos­sen, dass es ein wunder­ba­res Geschäfts­mo­dell werden könnte, den Menschen auch andere Wege anzu­bie­ten, aus denen sie wählen konn­ten. Das klang im ersten Moment auch nicht schlecht, weswe­gen sich Terra und der Heilige Geist auch darauf einge­las­sen hatten, aber dass die Ange­bote und Dienst­leis­tun­gen von Bad Ego – auch hier war der Name Programm – nicht viel Glück mit sich brach­ten, stellte sich erst heraus, als die Verträge schon unter­schrie­ben waren.

Diabolo, der sagen­um­wo­bene Teufel, war anfangs eigent­lich nur Prak­ti­kant bei Bad Ego. Es zeigte sich aber schnell, dass auch der Kerl mit den Hörnern – auch wenn er die nur zum Schla­fen gehen anzog – einen Sinn für Geschäfte hatte, die mit zwie­lich­tig noch recht nett umschrie­ben waren. Die vier Reiter der Apoka­lypse waren nur eines der weni­gen Resul­tate, die Diabolo sich auf die Stirn schrei­ben konnte.

Und jetzt sollte Lucky also mit den beiden Böse­wich­ten zusam­men in einem Raum sitzen und über irgend­et­was verhan­deln, wo niemand so recht zu wissen schien, worum es ging. Da machte sich ein ganz ungu­tes Gefühl in Luckys Magen­grube breit. Wie Eispi­ckel riss sich da etwas, lang­sam und zaghaft, in seinen Unter­leib.

»Bist du noch da?«, fragte Clemen­tine.

»Ja, sorry – bin gerade in Gedan­ken versun­ken.«

»Du weißt also auch nicht, worum es morgen geht, Lucky?«

»Ich hab nicht den blas­ses­ten Schim­mer, aber es gefällt mir ganz und gar nicht, Tine.«

»Na ja … sind ja nur noch ein paar Stun­den bis dahin. Wir sehen uns dann morgen?«

»Pack am besten Kekse ein«, sagte Lucky. »Wir werden sie brau­chen!«

»Bis dann, Lucky!« Aufge­legt.

Lucky atmete einmal die kalte Abend­luft ein und ließ für einen kurzen Moment die Schul­tern fallen. »So viel zu deinem Urlaub, mein Freund«, sagte er zu sich selbst. Als er sich umdrehte, stellte er erstaunt fest, dass Julia verschwun­den war. Viel­leicht ist sie wieder rein­ge­gan­gen. Aber auch im Foyer des Hotels konnte er die junge Frau nirgends entde­cken. Für eine Sekunde nahm Lucky noch den Barkee­per wahr, der ihm zuwinkte und auf das noch halb volle Glas mit dem beson­de­ren Kiba-Saft deutete. Lucky winkte ab und trat wieder nach drau­ßen. Hier stimmt etwas nicht.

Wieder zückte Lucky nach seinem Handy, dieses Mal aber, um selbst jeman­den anzu­ru­fen. Der Hörer tutete gelang­weilt vor sich hin, während Lucky instink­tiv die Straße entlang­ging. Seine Nacken­haare stell­ten sich auf, als ein eisi­ger Wind an ihm vorbei­zog. Lucky kannte diese Momente. Geh ran!

»Lucky?« Es war Karmas Stimme.

»Schatz! Ich brau­che deine Hilfe – und zwar jetzt!«

Karma japste etwas erschro­cken auf, als sie ihren Mann so reden hörte. »Was ist denn los, Lucky?«

»Junge Frau mit dem Namen Julia, viel­leicht Mitte zwan­zig, Narben am Unter­arm«, zählte er schnell auf.

»Sekunde … es lädt … es lädt«, antwor­tet Karma etwas unge­dul­dig. »Das System ist wirk­lich lang­sam gewor­den. Ah, ja … wir haben 5.389 Ergeb­nisse zu deiner Beschrei­bung, Lucky.«

Super! Lucky grum­melte einmal. »Wie viele davon leben hier in der Stadt?«

»Lass mal sehen … drei Stück. Oh! Eine davon wurde rot markiert, Lucky!«

»Braune Locken?«

»Ja, sehr schöne Haare, sogar«, bewun­derte Karma wohl das Bild von Julia.

»Für wann wurde sie markiert?«, hakte Lucky nach. Eine rote Markie­rung bedeu­tete, dass sich das Schick­sal bald nicht mehr um die Person kümmern müsste, weil sie nicht mehr lange leben würde. »Für wann?«, wieder­holte er nun etwas lauter.

»Der Eintrag wurde gerade erst frisch bear­bei­tet«, sagte Karma nun etwas schnel­ler. »Offen­bar wurde der vierte Reiter, Exitus, gerade losge­schickt.«

»Verdammt! Steht dabei, was der Grund dafür ist?«

»Nein, das bekom­men wir doch nicht mehr gesagt, Schatz«, antwor­tete Karma. Ihrer Stimme nach zu urtei­len, wollte sie ihren Mann gerade beru­hi­gen. »Aber ich sehe hier ein paar gesperrte Einträge. Wir hatten wohl mit ihr einmal direkt zu tun.«

Die Narben … Ich wusste es. »Die Gewerk­schaft hat die Einträge sper­ren lassen?«

»Sieht so aus … vor zehn Jahren etwa, ja.«

Vor zehn Jahren … Was war vor zehn Jahren? Lucky presste den Hörer nun an sein ande­res Ohr, dass es fast schmerzte. »Kannst du mich zum Tod durch­stel­len?«

»Lucky, was ist denn los? Was hat es mit diesem Mädchen auf sich?«

»Sie stand gerade noch neben mir! Hier ist etwas faul, Karma. Wenn sie ster­ben hätte sollen, dann wäre mir das aufge­fal­len, als ich mit ihr redete!«

»Ich bin mir nicht sicher, ob wir Exitus erwi­schen, wenn der schon unter­wegs ist.«

»Versu­chen wir es! Karma, bitte!«

»Also gut … Ich versu­che, dich durch­zu­stel­len.«

Lucky sprang über den Bord­stein hinweg auf die andere Stra­ßen­seite. Er hatte nicht wirk­lich eine Ahnung, wohin er ging, aber er wusste, dass er auf dem rich­ti­gen Weg war. Nach etwa zehn Versu­chen sprang die Mail­box an. Guten Tag – Sie sind mit dem Tod verbun­den. Leider bin ich gerade geschäftlich unter­wegs. Soll­ten Sie einen Termin verein­ba­ren wollen, so rufe ich Sie gerne zurück. Hinter­las­sen Sie einfach Ihre Nummer nach dem Piep­ton … … Piep.

Lucky legte wieder auf und versuchte es erneut. Der Geruch von frisch gebra­te­nen Zwie­beln stieg ihm in die Nase, als er an einem Restau­rant vorbei­kam. Hinter dem großen Fens­ter erkannte er lauter Geschäfts­leute, die zum Essen zusam­men­sa­ßen. Und Lucky konnte seinen Augen nicht trauen. Da ist er ja! Viele dach­ten, dass der Tod täglich mit einer schwar­zen Kutte und Sense durch die Gegend wandern würde. Aber der vierte apoka­lyp­ti­sche Reiter hatte seinen persön­li­chen Anspruch auf Stil und meis­tens orien­tierte er sich an den Leuten, die seiner Meinung nach am besten dafür geeig­net waren, seinen Job zu machen. Heute Abend war Exitus als Banker oder Poli­ti­ker verklei­det; der dunkle Hosen­an­zug mit der grel­len Krawatte gab daran keinen Zwei­fel.

Noch kauend legte Exitus Messer und Gabel auf dem leeren Teller ab. Offen­sicht­lich hatte er ein fettes Steak mit gebra­te­nen Kartof­feln und Gemüse bekom­men. Das Gemüse hatte er aber gar nicht ange­fasst.

»Lucky!«, begrüßte der vierte Reiter ihn mit einem Lächeln, ehe er sich mit einer Servi­ette die Lippen abputzte.

»Magst du keinen Spinat?«, fragte Lucky und setzte sich an den Tisch.

»Eigent­lich schon, aber mein Bruder – Pest – hat mir davon abge­ra­ten, den Spinat hier zu essen. Und man hört besser auf die Fami­lie, nicht wahr?«

»Kein übler Gedanke, ja.«

»Und was verschafft mir die Ehre, den Patron des Schick­sals hier zu tref­fen? Hast du nicht Urlaub?«

»Hatte, würde ich sagen«, antwor­tete Lucky. Dann fixierte er den Tod mit klarem Blick. »Ich muss dich um einen Gefal­len bitten.«

»Die Kleine, nehme ich an?«

Lucky kniff die Augen zusam­men und legte den Kopf schief. »Woher … Wie kommst du darauf?«

Exitus legte seine Servi­ette auf dem Teller ab und griff zu seinem Glas mit Rotwein. »Keine Sorge, Lucky – ich bin selbst über­rascht, dass sie heute noch auf die Liste kam. Hast du eigent­lich eine Ahnung, wie viele Leute ich noch in den nächs­ten Stun­den alleine hier in der Stadt abmurk­sen soll? Nicht, dass ich ein Problem damit hätte, zu arbei­ten. Aber die Kleine war nicht geplant. Hält einen auf wie Durch­fall.«

»Warum wurde sie denn markiert?«, über­ging Lucky die abfäl­lige Bemer­kung.

»Weil sie nicht mehr will, Lucky«, sagte der vierte Reiter und nippte an seinem Glas. »Möch­test du auch einen? Schmeckt bei der Arbeit beson­ders gut!«

»Nein, danke«, gab Lucky schroff zurück. »Aber wenn sie nicht mehr wollen würde, dann wüsste ich davon! Ich habe gerade noch mit ihr gespro­chen! Okay … sie war trau­rig, aber wenn sie kurz vor dem Ende gestan­den hätte, würde ich das wissen!«

»Unter norma­len Umstän­den wäre das rich­tig, ja«, sagte der Tod.

»Was soll das heißen, unter norma­len Umstän­den?«

Nun grinste Exitus für einen kurzen Moment, ehe er antwor­tete. »Ich kann dir nicht viel verra­ten, das darf ich nicht. Aber wundert es dich nicht, dass du morgen mit meinem Boss einen Termin hast?«

»Was hat das damit zu tun?«

»Das wirst du dann schon begrei­fen, Lucky. Sagen wir mal, du warst etwas nach­läs­sig.«

»Und was hat die Frau damit zu tun, Exitus?«

»Ich glaube, mein Boss will an ihr ein klei­nes Exem­pel statu­ie­ren, damit du begreifst, was Sache ist. Sei mir nicht böse, Lucky. Ich möchte dich sicher­lich nicht persön­lich krän­ken. Für mich ist das hier Geschäft. Ich bekomme einen Namen und kümmere mich um die Person, die den Namen trägt. So einfach ist das. Na ja gut … außer es kommt zu einer Verwechs­lung. Weißt du, wie viele Peter es auf dieser verdamm­ten Welt gibt? Und die sehen alle gleich … «

»Exitus!«, grum­melte Lucky nun. »Komm zum Punkt!«

Der Tod runzelte seine Nase. »Wie gesagt, die Entschei­dung kommt aus der Chef­etage. Welchen Groll mein Boss gegen die hegt und was für Tricks er auf Lager hat, das geht mich nichts an.«

»Was kann ich tun, damit du sie in Frie­den lässt?«

»Nichts«, antwor­tete Exitus ruhig. »Ihr Schick­sal ist besie­gelt, Lucky.«

»Ich entscheide über ihr Schick­sal!«, fuhr er den Tod nun an und hämmerte einmal mit der Faust auf den Tisch, wodurch das Geschirr kurz mit einem stechen­den Schep­pern aufsprang.

»Ja und nein«, gab der vierte Reiter zurück und klang dabei für eine Sekunde sogar trau­rig. »Wie gesagt … Es ist alles nur geschäft­lich, Lucky … tut mir leid.«

»Warum sie?«

»Wie gesagt … Sie hat die Lust verlo­ren, Lucky … Mehr braucht mich nicht zu inter­es­sie­ren.«

»Das ist doch Blöd­sinn!«, wider­sprach Lucky. »Würdest du nach solchen Kate­go­rien handeln, hättest du gar keine Zeit, in diesem Restau­rant zu sitzen und mit mir zu quat­schen.«

»Okay!« Exitus hob entschul­di­gend seine Hände. »Viel­leicht ist es etwas Persön­li­ches gegen dich, Lucky. Sie wurde aus einem spezi­el­len Grund gewählt, den ich nicht kenne. Aber die Papiere sind klar und sie wird heute noch … Du weißt schon.« Er nahm wieder einen Schluck aus seinem Glas und blickte sich kurz um. Auch für jeman­den wie den Tod war es nicht klug, über sein Geschäft zu offen­sicht­lich zu spre­chen, wenn er in der Öffent­lich­keit war.

»Es hat damit zu tun, dass ich mich einmal in ihr Leben einge­mischt hatte, nicht wahr? Es geht um die Einträge, die von der Gewerk­schaft gesperrt wurden?«

»Viel­leicht, Lucky. Ich bin nicht Gott. Ich weiß nicht alles, sonst würden mir auch bessere Sprü­che für die Grab­steine einfal­len. Aber viel­leicht hat ja mal wieder ein Gott was damit zu tun. Es würde erklä­ren, warum der Heilige Geist morgen auch bei eurer Sitzung dabei ist. Keine Ahnung. Ich jeden­falls habe einen Auftrag bekom­men und den werde ich gewis­sen­haft ausfüh­ren.«

Gewis­sen­haft – ha-ha! »Wo ist sie … Julia?«

»Das darf ich dir nicht sagen, Lucky«, antwor­tete Exitus und leerte sein Glas. »Du kennst die Regeln. Wir halten uns aus deinem Geschäft heraus und umge­kehrt.«

»Dann habt ihr die Regeln zuerst gebro­chen, mein Freund«, sagte Lucky nun etwas schär­fer.

»Selbst wenn ich es dir sagen würde, Lucky. Du könn­test nichts daran ändern. Sie hat ihre Zeit erreicht. Es ist zwölf Uhr für sie. Du soll­test doch nach all den Jahr­tau­sen­den selbst begrif­fen haben, dass es so nun einmal läuft!«

»Nein!« Lucky schüt­telte heftig den Kopf. »Nicht heute! Nicht sie!«

»Also gut«, sagte Exitus schließ­lich und erhob sich von seinem Platz. »Ich muss gleich noch bei einer Schie­ße­rei vorbei­schauen. Die Idio­ten haben keine Muni­tion mitge­nom­men. Das heißt, du hast etwa eine halbe Stunde Zeit, bis der Job erle­digt ist. Sie steht auf der Nord­brü­cke und starrt den Fluss an. Diese Info hast du aber nie von mir bekom­men, klar?«

Lucky murmelte nur noch ein Danke!, als er aufsprang und aus dem Restau­rant rannte. Exitus nahm seine Termine in der Regel immer pünkt­lich wahr, also hatte er wirk­lich nur eine halbe Stunde Zeit, bis dass der vierte Reiter der Apoka­lypse bei Julia stehen würde.

»Da können wir nichts machen, Lucky!«, versuchte Karma ihm noch am Hörer zu erklä­ren. Lucky hatte versucht, einen Ausweg für Julia zu finden, aber die Papiere waren wohl – wie Exitus schon sagte – abso­lut sauber. »Wenn sie markiert worden ist und Exitus auch nach dem Gespräch einen Irrtum ausschließt, haben wir keine Wahl, als den Weg frei­zu­ma­chen, Schatz.«

»So einfach gebe ich mich nicht geschla­gen, Karma!« Lucky klang nun schon etwas heiser. »Ich melde mich wieder!«

Tatsäch­lich fand Lucky die junge Frau auf der Brücke. Immer noch trug sie das schwarze Kleid, das zusam­men mit ihren offen Haaren im Wind wehte, der heftig über die Brüs­tung zog.

»Frierst du dir nicht den Arsch ab?«, begrüßte er Julia und setzte dabei das beste Lächeln auf, zu dem er noch imstande war.

Sie war für einen kurzen Moment erschro­cken, dass Lucky neben ihr auftauchte. Ihre Augen waren gewei­tet und ihre Gesichts­züge wie verstei­nert, als sie ihn panisch anstarrte. Doch nur in einer Sekunde wandelte sie sich, als würde sie eine Maske aufzie­hen, und lächelte Lucky kurz an.

»Sind Sie mir gefolgt?«

Lucky lehnte sich nun selbst über die Brüs­tung. Der Fluss trug nicht all zu viel Wasser und einige spitze Steine ragten aus der Strö­mung heraus. »Ja, das bin ich, Julia.«

»Warum?«

Es war nur ein einzi­ges Wort, eine kleine Frage – aber sehr berech­tigt. Und Lucky wusste tatsäch­lich keine wirk­li­che Antwort darauf, warum er diese junge Frau wirk­lich retten wollte. Es ging nicht darum, unschul­di­gen Menschen das Leben zu schen­ken – den Versuch hatte Lucky mehr als einmal gewagt, aber er merkte schnell, dass es nicht wirk­lich seine Ange­le­gen­heit war, darüber zu entschei­den, auch wenn er sich für das Schick­sal der Menschen verant­wort­lich zeigte. Er durfte niemals persön­lich invol­viert sein. Warum also wollte er Julia über­haupt retten, wenn alles so seine Rich­tig­keit hatte?

»Glaubst du an das Schick­sal, Julia?«

Sie senkte ihre brau­nen Augen etwas und starrte das Gelän­der vor sich an, an dem sie zitternd stand. Lucky legte ihr freund­schaft­lich die Hand auf die Schul­ter und ein Krib­beln fuhr durch seine Finger, als er die Kälte in ihr wahr­nahm.

»Ich glaube an gar nichts mehr«, gab sie trau­rig zurück und ein selt­sa­mer Glanz bildete sich in ihren Pupil­len.

»Erin­nerst du dich an das Feuer­werk von vorhin? Wer hätte das gedacht? Ein kalter Ster­nen­him­mel voller Schwärze und Smog – und plötz­lich schwin­det das Bild in leuch­ten­den Farben dahin.«

Bei der Erwäh­nung blickte Julia nun wieder nach oben, als hätte sie die Hoff­nung, dass es wieder passie­ren würde. »Und doch ist wieder alles dunkel«, gab sie nach einer Weile als Antwort zurück.

»Natür­lich«, sagte Lucky mit einem Schmun­zeln auf den Lippen. »Wir brau­chen die Dunkel­heit, um Licht machen zu können, weißt du.«

»Was genau wollen Sie von mir?«

Nun senkte Lucky den Kopf etwas. »Für den Anfang würde ich dich um Verge­bung bitten, Julia. Es tut mir leid, was ich getan habe.«

Nun riss die junge Frau den Kopf zur Seite und die Irri­ta­tion malte Land­schaf­ten in ihr Gesicht, als sie Lucky ansah. Die kalte Luft lag nun schwer auf Luckys Schul­tern.

»Mir ist es aufge­fal­len, als ich deine Arme gese­hen hatte«, gestand er weiter. »Ich weiß nicht, was dir passiert ist, Julia – aber ich fühle in meinem Herzen, dass ich etwas damit zu tun hatte.«

»Das … das ist unmög­lich. Niemand … « Sie starrte Lucky weiter an. Er konnte in den Univer­sen ihrer brau­nen Augen sehr deut­lich sehen, wie sie mit ihren Erin­ne­run­gen kämpfte. »Niemand hat Schuld daran … außer ich.« Plötz­lich schlug sie die Hände vor ihr Gesicht und in Tränen schos­sen die Schmer­zen aus ihr heraus. Lucky nahm sie trös­tend in die Arme und Julia legte ihren Kopf auf seiner Schul­ter ab.

»Ich will nicht mehr! Es hat alles keinen Zweck!« Während sie sich kraft­los ausheulte, schloss Lucky lang­sam seine Augen und konzen­trierte sich auf ihren Herz­schlag. Es war für ihn zu einer Selten­heit gewor­den, sich in jemand ande­ren hinein­zu­ver­set­zen, aber sein Bauch sagte ihm, dass er es tun sollte. Andere würden es eine Mischung aus Gedan­ken lesen und Empa­thie bezeich­nen, für Lucky war es aber nur eine einfa­che Formel für Mitge­fühl. Und während er die Augen geschlos­sen hatte, spran­gen verein­zelnd Bilder vor seinen Lidern hin und her. Er konnte eine Fami­lie erken­nen, die einen tragi­schen Auto­un­fall erlit­ten hatte. Er sah auch ein klei­nes Mädchen, das in der Schule gehän­selt wurde, weil es keine ›rich­ti­gen‹ Eltern hatte. Und dann sprang Lucky die junge Frau in die Augen, die alleine und einsam vor dem Hotel stand und auf den Mann wartete, der sie am Ende sitzen gelas­sen hatte.

Aber er sah nicht das Loch in ihrem Herzen, das er ihr zuge­fügt hatte.

»Es tut mir so leid, Julia«, sagte Lucky schließ­lich und strich ein paar ihrer Sträh­nen zur Seite, die in ihrem nassen Gesicht kleb­ten. »Es tut mir so leid.«

»Lassen Sie mich bitte einfach in Frie­den … Sie können mir nicht helfen.« Mit diesen Worten trat sie von ihm zurück und wandte sich wieder der Brüs­tung zu. Wie ein kaltes Messer stichelte der Wind nun Luckys Körper. Es würde gleich passie­ren. Er – der Meis­ter des Schick­sals – würde nur taten­los zuse­hen können. An den beiden zog plötz­lich eine Gestalt in einem Anzug vorbei, die genüss­lich eine Ziga­rette rauchte und die beiden schein­bar gar nicht zu beach­ten schien. Aber Lucky erkannte Exitus auch bei abso­lu­ter Dunkel­heit. Der Qualm der Ziga­rette zog pene­trant in Luckys Nase, als wollte er ihm sagen, dass er zu gehen hätte. Es war nun so weit. Gleich würde es gesche­hen.

»Sie haben mich um Verge­bung gebe­ten«, sagte Julia dann etwas leise, dass der Wind fast ihre Stimme verschluckt hätte. »Darf ich nun Sie um Verge­bung bitten?« Der bittere Klang ihrer Worte kündigte das Unheil nun nur noch mehr an. Lucky konnte erken­nen, wie Julia das Gelän­der fester umklam­merte. Die Knöchel ihrer Finger wurden weiß und man konnte in jeder Faser ihres Gesich­tes sehen, wie sie sich bereit machte.

Lucky streckte die Hände aus. Er wollte Julia gerade noch fest­hal­ten und letzte hoffende Worte an sie rich­ten, als das Surren des Windes durch ein lautes Let it be … Let it be fast schon unter­bro­chen wurde. Die Melo­die des Liedes schien die Zeit zum Stehen zu brin­gen und Julia erstarrte für einen Augen­blick, ehe sie ihren Kopf wieder zu Lucky drehte und sich ihre Finger entspann­ten. Entnervt, weil der Anruf so unpas­send erschien, zog Lucky das Handy aus der Innen­ta­sche seines Mantels und warf es über die Brüs­tung hinweg in den Fluss. Nur aus den Augen­win­keln heraus konnte er auf dem Display noch erken­nen, wer der Anru­fer war. Ein paar erlö­sende Tränen kuller­ten plötz­lich über sein Gesicht. Sie hätte nicht passen­der anru­fen können … und da kam ihm die Lösung.

»Sag mal, Julia … bevor du springst … Ich bin auf der Suche nach einer Sekre­tä­rin. Du hast nicht zufäl­li­ger­weise Lust, mit Gott, dem Klima, Diabolo, Ego und mir morgen in einem Meeting zu sitzen?«

Die Frage musste abso­lut irrsin­nig in ihren Ohren klin­gen. Aber Julia drehte dem Gelän­der den Rücken zu.