Jeder Mensch ist schön, wenn er herz­haft lächelt. Gibt es etwas Schö­ne­res, als einen Menschen lächeln zu sehen, die Freude in seinen Augen zu erken­nen, die Grüb­chen in seinen Gesichts­zü­gen auszu­ma­chen? Nein, denn ein erfreu­tes Lächeln ist schön. Und etwas ist schön oder nicht schön. Verhält­nisse spie­len keine Rolle.

Wie oft lächeln wir am Tag? Ich habe keine Ahnung. Online gibt es zwar Statis­ti­ken dazu, dass Kinder öfters lachen als Erwach­sene – oh Wunder! -, aber Daten zum erhei­ter­ten Schmun­zeln habe ich nicht gefun­den. Ist auch nicht so wich­tig, denn die Frage ist am Ende ja eher: Wie oft lächle ich am Tag? Und warum? Und freue ich mich dabei?

Mir kam das Thema heute Morgen im Bus in den Kopf. Über­all um mich herum Studen­ten, die mit gefurch­ter Stirn auf ihre Smart­pho­nes starr­ten und was-auch-immer taten. Ein paar wenige starr­ten aus dem Fens­ter des Fahr­zeu­ges in die grau-grüne Morgen­land­schaft und kaum einer unter­hielt sich mit seinem Sitz­nach­barn. Doch als würde mich plötz­lich ein Laser­strahl von der Seite tref­fen, ist da eine Ener­gie im Raum; da aus den Augen­win­keln links! Ein Mädel, viel zu weit weg, als dass ich sie wirk­lich sehen oder hören könnte, dunkle Haare, aufrechte Haltung – und ein Lächeln im Gesicht. Wenn die Wolken den Himmel bede­cken, muss die Sonne manch­mal auf ande­ren Wegen schei­nen.

Und plötz­lich musste auch ich lächeln. Einmal natür­lich, weil es ein faszi­nie­ren­der Anblick war, einen einzi­gen Menschen in einem halb­ge­füll­ten Bus lächeln zu sehen – zu gerne würde ich jetzt heraus­fin­den, warum sie denn diese Ausstrah­lung hatte. Aber ein Gedan­ken­gey­sir hat da im selben Augen­blick auch noch eine Erin­ne­rung ans Tages­licht gespült. Ein kurzer, uner­war­te­ter Moment im glei­chen Bus, einige, viele Tage vorher.

Du bist einfach nur in den Bus einge­stie­gen, mehr hast Du nicht gemacht. Und wow – müde und leicht erschöpft hast Du meinem Herz einen Strom­schlag verpasst. Aber warum? Wer weiß, wer weiß. Das ist das Beson­dere an Schön­heit. Sie berührt Dich mit ihrem Antlitz wie ein Regen­bo­gen mit seinen Farben, aber Du weißt nicht wirk­lich, welche der Farben es ist, die Du so schön findest. Oder in diesem Fall: was es ist, dass Dich an diesem Morgen schön macht. Genau genom­men bin ich über­zeugt davon, dass Du immer schön bist, eben so wie es jeden Tag auf dieser Welt auch irgendwo einen Regen­bo­gen gibt, der einen Menschen faszi­niert.

Und Du setzt Dich auf einen freien Platz. Ich kann meine Augen gar nicht abwen­den, aber möchte auch nicht star­ren. Eine Zwick­mühle. Ein Dilemma. Wär ja auch schmie­rig, wenn ich die ganze Zeit meine Augen auf Dich rich­ten würde, oder? Ja, das sind die ersten sozial kondi­tio­nier­ten Gedan­ken, die durch den Damm dieses verwun­der­ten Momen­tes brechen. Doch in Wirk­lich­keit wäre es nur dann schmie­rig, wenn ich diesen Zeit­punkt in der Gegen­wart für mich behal­ten würde. Geteilte Schön­heit ist etwas Wunder­ba­res.

Du schwimmst in Gedan­ken, als ich mich Dir nähere. Die einzige Bewe­gung im Bus sind meine leich­ten (oder nervö­sen?) Schritte. Wie viele Augen und Blicke sind in diesen Sekun­den auf mich gerich­tet? Ich weiß es nicht, denn meine Aufmerk­sam­keit gilt nun voll­kom­men Dir. Gedan­ken und Meinun­gen müssen warten. „Hey!“, sage ich und Du drehst mir Deinen Kopf zu. „Ich hab keine Ahnung, wer Du bist – aber Du bist heute Morgen wunder­schön!“ Ein Moment der abso­lu­ten Stille. Ein Blin­zeln. Und wow … was für ein uner­war­te­tes Lächeln.

Ich weiß schon gar nicht mehr, was Du geant­wor­tet hast, aber die Worte spie­len auch kaum eine Rolle, denn ich konnte Dir Deine Antwort schon von den Augen able­sen. Eine Reak­tion, die mich mit Wärme füllt. Du lächelst. Ich lächle. Die Welt ist wieder im Einklang der Ordnung. Und wie der Bediens­tete eines Königs­hau­ses trete ich mit leich­ten Schrit­ten wieder zurück. Die Schön­heit – ihre Schön­heit! – wurde zele­briert. Meine Arbeit ist getan.

Doch was ist das? Ich erkenne, wie Du aus dem Fens­ter blickst und sich Deine Gesichts­züge immer wieder entspan­nen. Es hat fast den Anschein, als könn­test Du gar nicht mehr anders als einfach zu lächeln. Wir haben diesen „norma­len“ Gesichts­aus­druck, doch diesen kannst Du nicht mehr in Dein Gesicht legen. Immer wieder wird Dein Mund brei­ter, Deine Mund­win­kel rutschen nach oben und Du strahlst aus dem Bus heraus. Ein uner­war­te­tes Lächeln, wahr­lich. Nicht für mich, sondern für Dich. Denn wie absurd klingt das denn, von einem Unbe­kann­ten an einem frühen Morgen vor der Uni ange­spro­chen zu werden und nur mit einer einzi­gen Botschaft, dass Du wunder­schön bist? Ich weiß nicht, in welcher Gedan­ken­welt Du davor gefan­gen warst, aber diese hier ist mit Wärme durch­tränkt – ich kann es sehen.

Und wie wunder­bar es heute Morgen war, dass diese Erin­ne­rung alleine, dieser Augen­blick, den ich mit diesem Mädchen geteilt hatte, mich selbst an diesem heuti­gen Morgen zum Lächeln brachte. Was brau­che ich mehr? Schön­heit lauert und schlum­mert über­all. Sie muss nur geweckt werden.