Sie weint wider­wil­lig auf meiner Brust. Ich liege stumm neben ihr auf einer Decke unter einem Baum, halte sie, als sich der Tag lang­sam zum Ende neigt.

Ihre Vergan­gen­heit war voller Schmerz, sagt sie und ich halte sie nah, denn ich weiß, dass es wahr ist. Ich kann es in ihrem Körper spüren, in ihrem Atem, in ihrer zarten und zöger­li­chen Kapi­tu­la­tion in meinen Armen, in dem Rhyth­mus ihres Verza­gens, in dem erleich­tern­den Ein und Aus ihrer kaum wahr­nehm­ba­ren Seuf­zer. Ihre Leere über­schwemmt mich mit der Kühle und Kraft eines Tauf­tuchs. Ihres ist ein schö­nes Herz und es ist nicht fair, was ihr wider­fah­ren ist. Gibt es etwas Trau­ri­ge­res im Leben als die stille Qual einer gestoh­le­nen Vergan­gen­heit?

Ich sage nichts und blicke in den Himmel hinauf, durch das vergit­terte Blät­ter­dach des Baumes, der über uns weht. Ich halte sie nahe, bede­cke sie. Der Baum bedeckt mich und ich bede­cke sie, einge­grenzt wie eine simple Art von Ökosys­tem. Ich lausche den Geräu­schen des Windes in den Blät­tern. Ich spüre ihre verzwei­fel­ten Tränen auf meiner Brust.

Weil ich nicht verur­teile, während ich neben ihr in dieser stil­len Zeit liege, fühlt sie sich wohl genug, oder veran­lasst genug, vermute ich, mir von allen Maschen verstoh­le­ner Arro­ganz zu erzäh­len. Ich bin froh, als sie merkt, dass sie in meinen Armen loslas­sen und ein wenig weinen kann, in dem Wissen, dass ich ihr diesen Augen­blick niemals nehmen werde, ihn niemals verra­ten werde, und ihn mir niemals zu meinem eige­nen Vorteil aneig­nen werde, wie andere es zuvor taten.

Es ist immer ein Schock, wenn ein hübsches Mädchen sagt, dass sie sich über­haupt nicht hübsch fühlt. Dieses ach-so-stille Mädchen in diesem ach-so-stil­len Moment erzählt mir, wie sie sich einst als Kind hübsch gefühlt hatte, aber sich jetzt klein und unzu­läng­lich fühlt, als wäre sie etwas Lebens­not­wen­di­gem beraubt worden. Und jetzt hat sie Angst, dass sie selbst ein wenig mehr zu einer Räube­rin wurde. Nicht in der Lage, voll­kom­men von sich zu geben, öffnet sie die Vorhänge zu ihrem Herzen nur gerade mal ein biss­chen –aber niemals die Tür, niemals die Tür –du kannst rein­schauen, aber niemals darfst du passie­ren.

Wir haben die selt­same Auffas­sung, dass die Zeit eine Einbahn­straße ist. Wir schlen­dern durch die Gärten unse­res Leben, sinnie­ren über die Dinge, die wir auf dem Weg sehen. Nous étions lá et main­ten­ant nous sommes ici. Wir waren hier (und wir zeigen darauf) und jetzt sind wir hier (und wir zeigen darauf). Und oh, wie wir uns wünschen, dass man uns einen ande­ren Pfad durch den Garten gege­ben hätte!

Die Vergan­gen­heit wird immer in der Gegen­wart erschaf­fen. Hier ist sie, das Mädchen, das ich verehre, mit dem Wunsch, sie hätte eine andere Vergan­gen­heit. Und ich denke, könnte es ganz anders sein? Als ich sie zum ersten Mal an diesem einem Tag am Stra­ßen­café sah, da lag etwas in der Luft, oder nicht? Ja, alles an ihr an diesem Tag –ihr Lächeln und mein Lächeln, ihre mit Unfug leuch­ten­den Augen, ihre Haut wie frische Sahne –alles an ihr raubte mir den Atem, und ich war zu ihr hinge­zo­gen wie eine Biene zu einem Gänse­blüm­chen.

Was, wenn sie diese grau­sa­men Zeiten ihrer Vergan­gen­heit nicht gehabt hätte? Wären ihre Schön­heit, ihr Humor und ihr Wesen diesel­ben? Würde ich mich noch immer zu ihr hinge­zo­gen fühlen? Würde ich sie über­haupt mögen? Würde ich sie über­haupt bemer­ken? Wer weiß?

Alles, das ihr in ihrer Vergan­gen­heit wider­fah­ren ist, hat das Mädchen erschaf­fen, das sie heute ist. All die guten Dinge und all die schlech­ten Dinge – alles, das sie verletzt hat, das sie begeis­tert hat, das sie im Stich gelas­sen hat, das sie geliebt hat. All diese Dinge haben sie erschaf­fen, so wie sie jetzt ist, ihre Ideen, ihre Träume, ihre Persönlichkeit…alles davon. Das ist das Mädchen, das ich entdeckt habe, das Mädchen, zu dem ich mich an diesem schö­nen Früh­lings­tag hinge­zo­gen fühlte, das Mädchen, das ich verehre. Wegen –nicht trotz – ihrer Vergan­gen­heit liebe ich, wer sie heute ist.

»Woran denkst du?«, sagt sie. Ich blicke hoch in den Himmel durch die Blät­ter, blicke durch, blicke zurück. Ich erzähle ihr, was ich denke. Ich kann spüren, wie ihre Augen­li­der sanft meine Haut strei­fen, als sie lauscht.

»Umarme es alles«, füge ich hinzu, »denn das bist du.«

Sie liegt still für ein paar Sekun­den, sagt nichts. Und jetzt sitzt sie lang­sam auf, bündelt die Decke um ihre Knie herum. »Ich habe noch nie zuvor so darüber gedacht«, sagt sie.

Ich lächle hoch zu ihr und der Sonne und den Blät­tern. Ja, nun…So denke ich die ganze Zeit darüber, meine Liebe, die ganze Zeit.

– Das Alabas­ter Mädchen, Seite 177