Ein beson­de­rer Dank an
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Das wird die pein­lichste Anma­che aller Zeiten.

Otto zerknüllte fast schon das Stück Papier, das er mit seiner rech­ten Hand umklam­merte. Er hatte sich jedes einzelne Wort darauf sehr genau einge­prägt und konnte die Phra­sen quasi schon auswen­dig aufsa­gen. Zumin­dest hoffte er, dass er das konnte. Er hatte die Ansprech­rou­tine in den unend­li­chen Weiten des Inter­nets gefun­den, wo sich selbst ernannte Verfüh­rungs­gu­rus darüber austausch­ten, wie man Frauen möglichst schnell in eine Bezie­hung oder ins Bett bekam.

Und genau hier lag Ottos Problem. Frauen. Er war nun schon neun­zehn Jahre alt und hatte noch nie ein Date. Seine einzi­gen Erfah­run­gen mit Sex waren die Porno­filme, die er beim Mastur­bie­ren schaute. Und das war auch schon die Bilanz, die der junge Mann Woche für Woche und Monat für Monat ziehen konnte. Otto glaubte nicht wirk­lich daran, dass sich an dieser Situa­tion in nächs­ter Zeit etwas ändern würde.

Es war nicht so, dass er gar keinen Kontakt zu Frauen hatte, aber dieje­ni­gen, die ihn inter­es­sier­ten, waren entwe­der verge­ben; oder sie gehör­ten zu denen, die ihm schwer­mü­tig einen Korb gaben, als hätten sie gar keine andere Wahl. Mit der Zeit hatte Otto sich daran gewöhnt. So lief es nun einmal in seinem Leben. Er gehörte eben nicht zu den Leuten auf der Welt, die als Sieger gebo­ren wurden.

Und dennoch regte sich in ihm dieser Funke Wider­stand. Jede Nacht versprach sich Otto, dass er seine Lebens­lage ändern könnte. Jede Nacht sah er vor seinem inne­ren Auge, wie auch er am Ende mit einer Frau zusam­men­kom­men würde.

Doch dafür müsste Otto erst einmal eine Frau kennen­ler­nen.

Er drückte die Tür des Cafés auf. Es war ein schwü­ler Sonn­tag­nach­mit­tag und Otto wusste sehr genau, dass sich in dem Lokal Dutzende von Schön­hei­ten trafen, um den Tag mit einem Latte Macchiato gemüt­lich ausklin­gen zu lassen. Früher einmal hatte Otto versucht, Frauen in Disko­the­ken und Clubs kennen­zu­ler­nen, doch der unge­heu­er­li­che Lärm und die Hektik brach­ten ihm schnell bei, dass es an solchen Orten schon schwie­rig genug war, ein einfa­ches Gespräch zu führen. Wie sollte man also dort erst jeman­den kennen­ler­nen können?

Der Blick seiner grauen Augen schweifte durch das Café, während er sich einen Weg zur Terrasse im Hinter­hof bahnte. In den Ecken sah er einzelne Geschäfts­leute, die mit ihren Laptops arbei­te­ten und im Inter­net surf­ten, während es sich Pärchen auf den beque­men Stoff­ses­seln gemüt­lich mach­ten. Otto seufzte frus­triert, denn eigent­lich hatte er erwar­tet, schnell ein ›Ziel‹ zu finden. Er blickte noch einmal auf den zerknüll­ten Zettel in seiner Hand und presste ihn dann in die Tasche seiner abge­wetz­ten grauen Jeans. Viel­leicht würde er ja drau­ßen mehr Glück haben.

Die beiden jungen Frauen spran­gen ihm sofort ins Auge. Doch über die kurze Freude legte sich rasch ein eiskal­ter Schauer, der wie eine Schnee­la­wine über seinen Rücken hinweg­jagte. Otto hatte sein Ziel gefun­den.

Die beiden Mädels waren etwa in seinem Alter. Die Schwarz­haa­rige trug ein ärmel­lo­ses Shirt mit schwarz-weißen Strei­fen, unter dessen Stoff sich die Kontu­ren ihres BHs abzeich­ne­ten. Ihre gebräun­ten Beine waren über­schla­gen; der Jeans-Mini­rock präsen­tierte ihre sport­li­chen Ober­schen­kel. Obwohl die junge Frau im Schat­ten saß, trug sie eine schwarze Sonnen­brille.

Ihre Freun­din hatte glatte, kasta­ni­en­far­bene Haare. Sie trug über ihrem weißen Sommer­rock ein schwar­zes Shirt, dessen V-Ausschnitt einla­dend auf ihre Brüste verwies. Um ihr Hand­ge­lenk trug sie ein silber­nes Armband. Die Finger­nä­gel des Mädels waren in einem dunk­len Blau lackiert.

Während Otto die beiden betrach­tete, über­nahm ein unwoh­les Gefühl die Kontrolle über seine Magen­ge­gend, als würden Glas­split­ter in seinen Inne­reien stecken. Er wollte nicht in die Rich­tung der beiden Mädels gaffen; seine Augen wander­ten mit leich­ter Panik über den rest­li­chen Innen­hof, als würde er den Notaus­gang suchen, den man extra für ihn bereit­ge­stellt hätte. Sein Herz pochte. Was ist, wenn jemand dabei zusieht? Was passiert, wenn ich jeman­den treffe, den ich kenne? Es wird so pein­lich! Seine Zähne kauten auf seiner Unter­lippe und die ersten Schweiß­per­len bilde­ten sich in seinem Gesicht.

»Reiß dich jetzt zusam­men, Mann!«, murmelte Otto vor sich hin. »Ich kann es wenigs­tens versu­chen!« Er schluckte einmal und atmete tief durch. Sie haben mich bestimmt schon gese­hen! Das wird doch albern!

Er schüt­telte seine Gedan­ken von sich, denn Otto wusste ganz genau, dass es ihm nicht weiter­hel­fen würde, auch nur ein biss­chen darüber nach­zu­den­ken, was er tat. Es brachte ihn nicht weiter. Er musste in Aktion treten. Und er musste es jetzt tun.

Otto ballte die Fäuste zusam­men, um neuen Mut zu fassen, und rich­tete seinen Blick wieder auf die beiden jungen Frauen. Er wusste nicht, ob er froh oder beun­ru­higt darüber sein sollte, dass sie noch auf ihren Plät­zen saßen. Noch einmal atmete der junge Mann tief durch und mit einem tauben Gefühl in den Beinen trat er an ihren Tisch.

»Hey ihr beiden, … «, stam­melte Otto vor sich hin. Im ersten Augen­blick verstan­den die beiden Mädels gar nicht, dass sie damit gemeint waren. Die Schwarz­haa­rige schob ihre Sonnen­brille ein Stück­chen nach unten und blickte über deren Ränder hinweg. Sie musterte ihn mit einem fragen­den Blick.

»Können wir dir irgend­wie helfen?« Ihre Stimme klang leicht krat­zig. Otto schloss daraus, dass sie vermut­lich rauchte.

»Ich … äh … « Konzen­trier dich, Otto! Du weißt, was du sagen musst! Seine Wangen fingen an zu glühen, als er weiter­sprach. » … Ich hab euch beiden gerade hier sitzen gese­hen … und brau­che mal eine weib­li­che Meinung von euch … «

»So, so«, kommen­tierte die junge Frau mit den rotbrau­nen Haaren und wandte Otto ihr Gesicht zu. Erst aus der Nähe konnte er ihre glas­kla­ren Augen erken­nen. »Worum geht es denn?«

»Na ja … Ein Kumpel von mir hat mit seiner Freun­din Schluss gemacht … äh … und der Anlass dafür war einfach, dass sie sich ihre Haare ganz kurz schnei­den lassen hatte.« Er zeigte mit Daumen und Zeige­fin­ger zitternd einen Abstand von ein paar Zenti­me­tern, um die Kürze besser beschrei­ben zu können.

»Bitte, was?!« Die Schwarz­haa­rige zog die Augen­brauen zusam­men. »Was ist denn das für ein Idiot?«

»Ja, … ich weiß«, stimmte Otto ihr zu. »Ich finde das auch mehr als nur albern.«

»Und was willst du jetzt von uns?«, hakte die Rothaa­rige nach und lehnte sich dabei leicht vor. Otto musste sich beherr­schen, um seinen Blick nicht in ihrem Ausschnitt zu verlie­ren.

»Seine Freun­din ist jetzt natür­lich total fertig«, antwor­tete er lang­sam, »und ich bin mit beiden befreun­det. Ich weiß einfach nicht, … wie ich mit der Situa­tion umge­hen soll.«

Die Schwarz­haa­rige setzte ihre Füße ab und lehnte sich nun eben­falls etwas vor. »Ich sag dir, was du jetzt machst! Du rufst deinen Kumpel an und fragst ihn, was er eigent­lich für einen Mist abzieht! Wie kann er es wagen, eine Frau wegen so einer Ober­fläch­lich­keit zu verlas­sen? Du sagst ihm, dass er ein wenig mehr Respekt zeigen sollte! So geht man nicht mit Frauen um!«

Ottos Augen husch­ten von links nach rechts. Die Freun­din gab mehr­mals ein zustim­men­des Nicken von sich. »Okay …«, sagte er schließ­lich. »Ich bin dann mal … tele­fo­nie­ren.« Ich will euch auch nicht weiter stören. Danke­schön, macht’s gut!«

»Klar doch!«, antwor­tete die Schwarz­haa­rige. Kaum hatte Otto sich umge­dreht, hörte er die beiden mitein­an­der tuscheln. Er entfernte sich mit bren­nen­dem Kopf und zog sein Smart­phone aus der Hosen­ta­sche. Super gemacht, du Held! Otto tat so, als würde er eine Nummer eintip­pen, hielt das Handy an sein Ohr und schlen­derte dabei wieder durch das Café. Erst als er auf der Straße stand und sich selbst in Sicher­heit wog, packte er das Gerät wieder ein. Das hat ja wunder­bar funk­tio­niert!

Er würde nicht mehr hinein­ge­hen. Wie ein wach­sen­der Schnee­ball rollte der Schre­cken von seinem Hals bis in seinen Magen herab und verkroch sich in den Tiefen seines Unter­leibs. Es war so klar, dass das nicht funk­tio­nie­ren würde. Mein Gott, Otto! Warum machst du über­haupt so einen Blöd­sinn? Er wollte nicht auf der Stelle stehen blei­ben. Er musste weg, denn ein zwei­tes Aufein­an­der­tref­fen mit den Mädels würde in einer Blamage enden. Wie hätte ich denn wissen können, dass die beiden gerade so reagie­ren? … Vermut­lich wuss­ten sie ganz genau, dass ich die Geschichte nur gespielt habe! Schnell trugen seine Beine ihn um eine Ecke und in Rich­tung der Einkaufs­pas­sage der Stadt.

Er machte vor einer roten Ampel halt. Immer­hin hast du es versucht, oder? … Aber es hat wieder nicht geklappt! Es wird nie klap­pen! Otto drehte seinen Kopf nach links und erkannte eine Jugend­li­che, vermut­lich um die sech­zehn Jahre alt. Sie hatte ihren Kopf leicht geneigt und drückte gerade die Kopf­hö­rer in ihren Ohren zurecht. Otto blin­zelte für eine Sekunde. Das Mädchen erhaschte seinen Blick und schenkte ihm ein sanf­tes Lächeln, doch Otto drehte den Kopf wieder nach vorne und starrte das rote Ampel­männ­chen an.

Sprich sie an, Mann! … Aber das kann ich nicht! Sie will doch bestimmt nur Musik hören! Und sie sieht viel zu jung aus! Er wollte gerade wieder den Kopf wenden, als die Ampel auf Grün sprang. Die Jugend­li­che lief mit locke­ren Schrit­ten los. Otto blickte ihr ein Weil­chen hinter­her. Verdammt! Zu spät! Dann über­querte er selbst die Straße.

Als die Sonne hinter einer dicken Wolken­de­cke verschwand, wurde die Einkaufs­pas­sage in einen kühlen Schat­ten gelegt. Es tummel­ten sich zahl­rei­che Leute, Eltern, Pärchen, Cliquen und auch Frauen, die alleine unter­wegs waren. Die meis­ten von ihnen schlepp­ten Einkaufs­tü­ten mit sich herum, deren Aufdru­cke stolz von dem jewei­li­gen Mode­la­bel erzähl­ten. Zwischen den Geschäf­ten befan­den sich Restau­rants, Imbiss­bu­den und Cafés. Eine Mischung aus Frit­teu­sen­fett, Knob­lauch, Fisch und Kaffee zog Otto in die Nase, als er über die grauen Pflas­ter­steine latschte. Durch den Stra­ßen­lärm drang die harmo­ni­sche Melo­die eines Piano­s­pie­lers, der sich an der Seite einen Platz zum Musi­zie­ren gesucht hatte.

Es war also ein ganz norma­ler Sonn­tag­nach­mit­tag in der Innen­stadt.

Otto setzte sich auf eine Bank und ließ die Umge­bung auf sich wirken. So viele Menschen, die man kennen­ler­nen könnte. Er seufzte gedank­lich. Aber wie? Seine Augen blie­ben an einem weißen Pudel hängen, der von einer rothaa­ri­gen Dame an der Leine geführt wurde. Die Frau hatte prall­rote Lippen und man konnte ihr Gesicht unter den Schich­ten an Make-up kaum erken­nen.

»Hey Otto!«

Er kniff die Augen zusam­men und musste nicht lange nach der Person hinter der weib­li­chen Stimme suchen, die nach ihm rief. Wie Flag­gen im Wind wink­ten ihm zwei große Einkaufs­tü­ten zu.

Es war Sina, eine Klas­sen­ka­me­ra­din. Die blonde junge Frau hatte ihre Haare zu einem Zopf gebun­den. Sie trug einen beige­far­be­nen Rock in Kombi­na­tion mit einer schwar­zen Bluse. Neben Sina stand ihr Freund Tony, der Otto mit einem wort­lo­sen Peace-Zeichen grüßte, während er mit seinem Smart­phone spielte.

»Hey Sina«, antwor­tete Otto knapp. Er war gerade nicht wirk­lich in Stim­mung, sich mit jeman­dem zu unter­hal­ten.

»Was treibst du denn Schö­nes in der Stadt?«, erkun­digte sie sich.

»Och … Ich schnappe nur ein wenig frische Luft, mehr nicht.«

»Ah … okay! Hey, wir lassen heute Abend eine kleine Party bei mir stei­gen! Wenn du Lust und nichts vorhast, kannst du gerne auch kommen!« Die Einla­dung klang so spon­tan, dass Sina wohl jetzt erst auf die Idee gekom­men war, Otto über­haupt zu fragen. Tony blickte eine Sekunde lang seine Freun­din mit gewei­te­ten Augen an und betrach­tete Otto dann argwöh­nisch.

»Ich überleg’s mir!«, antwor­tete Otto, dem die feind­li­che Miene nicht entgan­gen war.

»Sina, wir soll­ten weiter«, beschloss Tony gelang­weilt und steckte sein Smart­phone wieder ein.

»Okay, Schatz!« Sina zuckte leicht mit den Schul­tern und wandte sich wieder an Otto. »War cool, dich getrof­fen zu haben! Viel­leicht sehen wir uns dann ja heute Abend! Mach’s gut, Otto!«

Sina war lange Zeit eines der begehr­tes­ten Mädels in Ottos Klasse gewe­sen, bevor sie mit Tony zusam­men­kam. Auch Otto selbst konnte ihrem Charme nicht wider­ste­hen. Er hatte aber nie die geringste Chance bei ihr. Während er seine Frei­zeit noch mit lang­wei­li­gen Dingen verbrachte, hatte sie schon längst ihre Erfah­run­gen in ange­sag­ten Clubs mit Alko­hol und coolen, älte­ren Leuten gemacht.

Als Otto beob­ach­tete, wie Sina Arm in Arm mit Tony in der Menschen­menge verschwand, musste er wieder inner­lich seuf­zen. Und du wirst nie die geringste Chance bei jeman­dem wie ihr haben.

Ottos Anspan­nung legte sich wieder. Er war froh darüber, dass das Pärchen so schnell wieder verschwand, wie es gekom­men war. Er konnte Tony nicht leiden und das beruhte auf Gegen­sei­tig­keit. Der Grund war aber nicht einmal, dass Tony mit Sina zusam­men war. Der Kerl gehörte zu den Fußbal­lern der Schule und damit zu den Perso­nen, vor denen die Leute aus ominö­sen Grün­den einen großen Respekt hatten, als würde es sich um Helden handeln. Tony wusste um diese Macht und nutzte sie scham­los aus.

Otto konnte ihn aber vor allem aus dem Grund nicht leiden, dass Tony ihn jahre­lang mobbte. Otto gehörte nicht zu den belieb­ten Leuten und Tony gab sein Bestes, dass es auch so blieb. In herab­las­sen­der und arro­gan­ter Manier stellte er ihn bei jeder Gele­gen­heit vor ande­ren bloß. Rück­sichts­los und frech behaup­tete er einmal vor seiner ganzen Clique, dass Otto niemals eine Frau ins Bett bekom­men würde, da er nicht einmal den Mut hätte, in einen Puff zu gehen.

Bei dem Gedan­ken an diese Geschichte wurden Ottos Augen glasig. Die Jungs und Mädels seiner Stufe fanden die Stiche­lei natür­lich beson­ders lustig. Was Otto aber viel tiefer verletzte, war die Vorstel­lung, dass Tony gar nicht so unrecht haben könnte.

Otto betrat erneut ein Café. Dieses Mal hatte er aber kein Stück Papier in der Hand und nicht den Plan, jeman­den aufzu­rei­ßen. Es war genug. Lassen wir es für heute blei­ben. Es hat doch eh keinen Zweck! Otto wollte sich einfach nur noch entspan­nen und seine Ruhe haben.

Es fühlte sich fast wie Glück im Unglück an, als er von der Theke zurück­trat, an der er eine Tasse Kaffee bestellt hatte, und tatsäch­lich noch einen der letz­ten freien Tische für sich ergat­tern konnte. Otto klam­merte sich mit seinen Händen an die Tasse; durch seine gebeugte Haltung starrte er auf den Boden. Nur die glatt rasier­ten, gebräun­ten Beine der Frauen, die den Weg zwischen Toilette und ihren Sitz­plät­zen entlang spazier­ten, zogen seine Aufmerk­sam­keit auf sich.

Seien wir doch mal ehrlich! Wer soll sich schon für mich inter­es­sie­ren?! Mein Leben ist lang­wei­lig! Ich bin häss­lich! Ich bin unsport­lich! … Aber … Habe ich es nicht auch verdient, glück­lich zu sein? Kann ich über­haupt glück­lich werden?

»Du machst aber ein trau­ri­ges Gesicht!« Es war der Klang der Stimme, der ihn aus seinen Gedan­ken riss. Otto hob seinen Kopf und schaute sich um. Er wollte wissen, wer das gesagt hatte. Ein flaues Gefühl krib­belte in seinem Bauch, denn er konnte sich sogar vorstel­len, dass er gemeint war.

»Hallo? Ich stehe vor dir!« Als würden sich die dicken Schleier eines Nebels lich­ten, offen­bar­ten sich direkt vor ihm die Umrisse einer jungen Frau. Sie stand keine zwei Meter entfernt von ihm an seinem Tisch und blickte Otto mit leicht gesenk­tem Kopf in die Augen. Er brauchte eine Sekunde, um zu reali­sie­ren, dass tatsäch­lich er gemeint war. Ottos Augen weite­ten sich, als er die Frau mit einem gemisch­ten Empfin­den aus Über­ra­schung, Entset­zen und Neugierde anstarrte. Sie glich einem Engel. Die großen mandel­för­mi­gen Augen waren das Erste an ihr, das sich in seinen Kopf eingrub. Wie grüne Sterne gaben sie das glän­zende Licht des Raumes wieder. Der schwarze Eyeli­ner verstärkte diesen Eindruck und wurde durch ein Schim­mern des flie­der­far­be­nen Lidschat­tens ergänzt. Das Schmun­zeln ihrer weichen, frischen Lippen bildete kleine Grüb­chen, die harmo­nisch im Einklang mit ihrer entspann­ten, reinen Gesichts­haut stan­den.  »Mein Name ist Klara! Darf ich mich zu dir setzen?«

»Aber natür­lich!«, schoss es aus Otto heraus, ohne über die Antwort groß nach­zu­den­ken.

»Und wer bist du?«, hakte Klara nach, während sie Platz nahm. Otto zögerte einen Moment, als er faszi­niert ihre orange lackier­ten Finger­nä­gel erblickte. Das hatte er nicht erwar­tet, aber sie reichte ihm tatsäch­lich die Hand! Er schüt­telte sie sehr vorsich­tig und leicht, als wäre Klara aus Glas gebaut, das zu brechen drohte.

»Ich bin Otto!«, antwor­tete er leise.

»Hey, Otto! Schön, dich kennen­zu­ler­nen!« Klara strahlte ihn mit einem Lächeln an, das ihre weißen Zähne zeigte. Otto ließ sich einen Augen­blick Zeit, sie zu mustern. Klara hatte lange blonde Haare. Ihre Locken umspiel­ten die Kontu­ren ihres Gesichts. Die junge Frau war etwas klei­ner als Otto, aber wohl in seinem Alter. Ein blaues Sommer­kleid betonte Klaras schlanke Figur. Sie lächelte ihn immer noch an.

»Ziem­lich wenig los hier, oder?« Klaras Stimme klang zärt­lich und klar; die einzel­nen Silben schwan­gen fast wie in einem Gesang.

»Eigent­lich ist hier sogar recht viel los«, antwor­tete Otto. Er versuchte, seine Ruhe zu bewah­ren, doch das fiel ihm gerade ziem­lich schwer.

»Und wie kommt es dann, dass du hier so alleine rumsitzt?« Obwohl Klara die Frage freund­lich stellte, traf sie Otto wie ein eiskal­ter Schlag ins Gesicht. Voll­tref­fer!

Er ließ seinen Blick von Klara ab und irrte mit den grauen Augen im Café umher. An fast jedem Tisch sah er Leute zusam­men­sit­zen, die mitein­an­der flir­te­ten, rede­ten, lach­ten … und einfach ihren Spaß hatten. Otto starrte an die Decke, als er auf Klaras Frage einging. »Das wüsste ich auch gerne.« Er klang verbit­tert.

Klara neigte ihren Kopf leicht zur Seite und blin­zelte Otto fragend an. Als er seinen Blick wieder senkte und sie ansah, erkannte er eine gläserne Trübung in dem Grün ihrer Augen. Er sah darin nicht nur Neugierde. Er erkannte Mitge­fühl. Mitge­fühl für ihn!

»Ich sitze hier alleine herum«, murmelte Otto vor sich hin, »weil ich alleine bin.« Er legte den Kopf wieder in den Nacken und stieß dabei an ein Porträt, das hinter ihm hing. Er atmete einmal tief durch und spürte sehr deut­lich, wie die Luft durch seinen Körper strömte.

»Wie kommst du denn darauf, dass du alleine bist?« Klara ging das Thema vorsich­tig an. Ihre Stimme klang immer noch ange­nehm und ruhig. »Niemand inter­es­siert sich für mich!« Otto seufzte. Er klam­merte sich wieder an seiner Tasse fest. »Aber ich habe ja auch nichts Inter­es­san­tes zu bieten! Warum sollte mich jemand anru­fen? Was hat er davon? Warum sollte ich für eine Frau attrak­tiv sein?« Wie ein Gewehr feuerte er die Gedan­ken heraus, die sich all die Jahre in seinem Kopf ange­staut hatten. »Ich bin ein Nichts! Ein Niemand!«

Verein­zelte helle Spuren sammel­ten sich in Klaras Augen zu dem Glanz der Tränen, die sich bilde­ten, als sie hörte, was er sagte. Sie zögerte nicht und umfasste Ottos Hände an der Tasse mit ihren eige­nen. Erst jetzt stellte Otto fest, wie kalt er war, als die Wärme von Klara plötz­lich auf ihn über­ging.

»Schau mich doch an!«, sagte er verzwei­felt. »Ich bin irgend­ein Typ! Ich sehe nicht gut aus! Ich kann nichts! Mein Gott, ich trage sogar so ein verdamm­tes Sport­deo, das auf Frauen anzie­hend wirken soll – zumin­dest behaup­ten die das in der Werbung! Und ich bin so frus­triert, diesen Mist auch noch zu glau­ben! Aber ich habe auch allen Grund dazu! Hallo? Ich heiße Otto! Welche Frau will schon einen Kerl, der Otto heißt?«

»Also ich mag dich jetzt schon!«, wider­sprach sie ihm mit einem aufmun­tern­den Schmun­zeln. »Du bist mehr als nur dein Name, Otto!« Klara blin­zelte ein paar Mal, wodurch eine einzelne Träne über ihr herz­för­mi­ges Gesicht rutschte. Sie rich­tete sich von ihrem Stuhl auf und setzte sich direkt neben ihn. Ohne Otto auch nur die Zeit zu geben, darauf reagie­ren zu können, legte sie beide Hände behut­sam an sein Gesicht. »Du bist ein wunder­ba­rer Mann, Otto!«

Er blickte sie ein paar Sekun­den lang einfach nur an. »Das sagst du doch nur so«, gab er dann unsi­cher zurück. »Du weißt nicht, wie sich das anfühlt! Niemand weiß, was ich alles durch­ma­chen musste!«

»Würdest du denn sagen, dass ich häss­lich bin?« Klara sah ihm bei der Frage direkt in die grauen Augen. »Los, schau mich an!«, forderte sie ihn auf. Sie ließ sein Gesicht wieder los und lehnte sich etwas zurück. Mit offe­nen Armen bot sie ihm die Gele­gen­heit, sie genauer zu betrach­ten.

Otto war von der plötz­li­chen Auffor­de­rung verwirrt. Aber Klara meinte es wohl ernst. Er musterte noch einmal ihr reines Gesicht. Als sein Blick tiefer wanderte, konnte er einen Teil ihrer straf­fen Brüste im Ausschnitt ihres blauen Klei­des erken­nen. Außer­dem fiel ihm der matte Glanz ihrer schwar­zen BH-Träger auf, die sich an ihre Schul­ter schmieg­ten.

»Wie kommst du denn auf die Idee?« Er blickte ihr wieder in die grünen Augen. »Du bist wunder­schön, Klara!«

Ein trau­ri­ges Lächeln legte sich auf ihre Lippen. »Das sagst du doch nur so!« Sie musste leise kichern und nahm ihn, als würden sie sich schon seit Ewig­kei­ten kennen, sanft in den Arm. Ein süßli­cher Duft von Mandel­milch stieg verfüh­re­risch in Ottos Nase, als Klara ihren Kopf auf seiner Schul­ter ablegte.

Er wusste nicht, was er tun sollte. Er wusste nicht einmal, was gerade geschah.

»Siehst du das Mädchen da hinten?« Sie setzte sich wieder gerade hin und legte ihre Hände in seine. Klara reckte ihr Kinn leicht an ihm vorbei. Als Otto ihrer Deutung folgte, erkannte er eine junge Frau mit brau­nen Haaren, die zwei Tische weiter saß. Sie starrte zwei kleine Kopf­hö­rer in ihren Händen an. Otto kniff die Augen zusam­men. Es war das Mädel, das er an der Ampel getrof­fen hatte!

»Sie sieht trau­rig aus«, stellte Klara fest und klang dabei selbst etwas betrof­fen.

Tatsäch­lich saß die junge Frau recht nieder­ge­schla­gen auf ihrem Stuhl. Sie strich lang­sam mit ihren Fingern über das weiße Kabel der Kopf­hö­rer. Selbst aus der Ferne konnte Otto den abwe­sen­den Schleier in ihren Augen sehen.

»Du hast recht«, antwor­tete er leise.

»Du könn­test mit ihr reden«, schlug Klara ihm vor.

Otto sah sie nun wieder an, doch das aufmun­ternde Lächeln und der gerührte Blick der blon­den Frau hiel­ten ihn davon ab, irgend­et­was darauf zu erwi­dern. Er schaute erneut in Rich­tung der Jugend­li­chen. »Du hast recht«, meinte er aber­mals und stand auf.

Er wusste nicht, was er sagen würde. Er war sich nicht einmal wirk­lich sicher, was er da über­haupt tat. Aber er hatte dieses innere Verlan­gen, diese junge Frau nicht alleine und entmu­tigt an ihrem Tisch sitzen zu lassen. Es war ihm egal, was mit ihm passie­ren würde. Und wenn ich mich zum tota­len Voll­idio­ten mache und sie mich auslacht … Dann habe ich sie wenigs­tens zum Lachen gebracht!

»Du machst aber ein trau­ri­ges Gesicht«, sagte Otto ruhig. Er war von sich selbst über­rascht, wie einfühl­sam er dabei klang.

Die junge Frau hatte jetzt erst wahr­ge­nom­men, dass jemand vor ihr stand. Sie hob den Kopf leicht und Otto konnte an ihren Augen erken­nen, wie abwe­send sie war. Er gab ihr ein freund­li­ches Lächeln und der unsicht­bare Schleier in ihrem Gesicht löste sich von einer Sekunde zur nächs­ten auf, als wäre er nie da gewe­sen. Das Mädel bekam leicht rote Wangen, als es zurück­lä­chelte.

»Mein Name ist Otto! Darf ich mich zu dir setzen?« Es sah fast danach aus, als hätte sich mit dieser einfa­chen Frage ein großer Stein vom Herzen der jungen Frau gelöst. Einla­dend zeigte sie auf den Stuhl neben sich.

Nach­dem Otto sich gesetzt hatte, husch­ten seine Augen kurz zu seinem alten Sitz­platz. Klara war verschwun­den. Insge­heim wusste er, dass er sie so schnell wohl nicht wieder­se­hen würde. Ihm war aber auch noch nie aufge­fal­len, dass an der Wand des Cafés das Porträt einer jungen blon­den Frau hing, die ein blaues Kleid trug.